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Beitrag vom 24. August 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Literarisches Leben

Deutscher Buchpreis 2015: Notizen zur Longlist [und ein Nachtrag]

Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015 - Jetzt auch auf der eigenen Website

Letzte Woche wurde die Shortlist zum Deutschen Buchpreis bekannt gegeben. Es sind die 20 Bücher, die nun die Chance haben, im Oktober den Preis zu gewinnen.

Interessant ist, welche Autoren und Verlage auf der Liste stehen – und welche nicht auf der Liste stehen.

Wer es noch nicht mitbekommen hat: Dies sind die 20 Bücher, die die 7-köpfige Jury als Preiskandidaten verkündet hat. Die Jury besteht aus 4 Kulturjournalisten, 2 Buchhändlern und einem Musikfachmann.

Longlist Deutscher Buchpreis 2015

  • Alina Bronsky: »Baba Dunjas letzte Liebe«, Kiepenheuer & Witsch, August 2015
  • Ralph Dutli: »Die Liebenden von Mantua«, Wallstein Verlag, August 2015
  • Jenny Erpenbeck: »Gehen, ging, gegangen«, Knaus Verlag, August 2015
  • Valerie Fritsch: »Winters Garten«, Suhrkamp Verlag, März 2015
  • Heinz Helle: »Eigentlich müssten wir tanzen«, Suhrkamp, September 2015
  • Gertraud Klemm: »Aberland«, Literaturverlag Droschl, Februar 2015
  • Steffen Kopetzky: »Risiko«, Klett-Cotta Verlag, Februar 2015
  • Rolf Lappert: »Über den Winter«, Hanser Literaturverlage, August 2015
  • Inger-Maria Mahlke: »Wie Ihr wollt«, Berlin Verlag, März 2015
  • Ulrich Peltzer: »Das bessere Leben«, S. Fischer – Hundertvierzehn, Juli 2015
  • Peter Richter: »89/90«, Luchterhand Literaturverlag, März 2015
  • Monique Schwitter: »Eins im Andern«, Droschl, August 2015
  • Clemens J. Setz: »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre«, Suhrkamp, September 2015
  • Anke Stelling: »Bodentiefe Fenster«, Verbrecher Verlag, März 2015
  • Ilija Trojanow: »Macht und Widerstand«, S. Fischer, August 2015
  • Vladimir Vertlib: »Lucia Binar und die russische Seele«, Paul Zsolnay, Februar 2015
  • Kai Weyand: »Applaus für Bronikowski«, Wallstein, März 2015
  • Frank Witzel: »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969«, Matthes & Seitz Berlin, Februar 2015
  • Christine Wunnike: »Der Fuchs und Dr. Shimamura«, Berenberg Verlag, März 2015
  • Feridun Zaimoglu: »Siebentürmeviertel«, Kiepenheuer & Witsch, August 2015

Liste? Liste! Liste? Wo ist die Liste?

Als die 20 Bücher verkündet wurden, gab es eine Panne. Die Nominierten wurden zuerst von einigen Nachrichtenwebsites verkündet, und die Liste war auf der Facebookseite des Veranstalters zu finden. Selbst die FAZ nahm Bezug auf diese Facebook-Liste, während viele bei Twitter wiederum die FAZ, boersenblatt.net oder buchreport.de als Quelle angaben. Es dauerte im Social-Media-Zeitalter eine gefühlte Ewigkeit, bis die Longlist endlich auf der offiziellen Website des Börsenvereins zu finden war. Erst viele, viele Minuten später tauchte dort ein Hinweis unter News auf, und noch viel, viel später waren die Titel der Longlist endlich auf der Startseite und unter einem eigenen Menüpunkt zu finden. Inzwischen hatten jedoch die meisten die Info aus anderer Quelle erfahren und diese verlinkt. Es schien gerade so, als sei man beim Veranstalter selbst über die Verkündung der Nominierten überrascht gewesen. Solch ein verzögertes Reagieren kennt man sonst nur bei Unglücksfällen oder Shitstorms. Doch dass eine Nachricht, auf die viele Insider warten, sich als Letztes auf der offiziellen Website findet, ist eine Kommunikationspanne. Neben der verlässlichen Informationsbasis verschenkt man vor allen Dingen viele Website-Besuche und die für Google wichtigen Verlinkungen.

Selbst die bestehende Aufbereitung der Longlist auf der Website ist für Journalisten und Blogs nicht optimal: So gibt es auf der Website zwar schick animierte Cover der Nominierten, die man umständlich durchklicken muss, um Näheres über Autor und Buch zu erfahren, und eine Liste als PDF-Download, aber keine normale HTML-Liste mit Einzelverlinkungen, die man rasch per Copy-and-Paste übernehmen könnte.

Doch schauen wir auf die Liste. Zu vielen Büchern lässt sich noch gar nichts sagen, da sie noch nicht erhältlich sind. Sie erscheinen erst in den nächsten Tagen und Wochen. Rezensionsexemplare liegen höchstens einigen Redaktionen vor. Niemand wird also die Liste in Gänze beurteilen können. Wer eines der Bücher bereits gelesen hatte und es gut fand, postete in den sozialen Netzwerken, dass er x oder y den Preis gönnen würde – aber was heißt das schon.

Überhaupt: Was bedeutet diese Liste? Sind es die 20 besten Bücher des Herbstes?

Sie die 20 Bücher wirklich die besten des Herbstes?

Das ist immer wieder der Hauptkritikpunkt am Deutschen Buchpreis: Er erwecke den Eindruck, als wären diese 20 Bücher die besten des Herbstes. Dieser Tunnelblick dürfte in den kommenden Monaten noch verstärkt werden, denn Feuilletonredaktionen werden sich nun auf diese 20 Titel stürzen und sie besprechen, sofern es noch nicht geplant war, und andere Titel zurückstellen. Schließlich will man am 16. September 2015 kompetenter urteilen können, wenn von den 20 Titeln nur noch 6 auf der Shortlist übrig bleiben. Und gleichzeitig werden auch die Buchkäufer diese 20 Titel mehr beachten, schließlich hat sie eine Expertenjury zu den 20 besten gekürt.

Jedoch können auf der Liste nur die Titel stehen, die die Verlage für den Wettbewerb eingereicht haben, wofür eine Einreichungsgebühr fällig ist. Wenn also ein Verlag die besten deutschsprachigen Bücher der Welt verlegt und sie nicht einreicht, werden sie nie auf der Short- oder Longlist stehen.

Korrektur/Ergänzung: Laut Börsenverein gibt es keine Einreichungsgebühr. Ebenso kann die Jury zur Bewertung nach eigenem Ermessen zusätzliche Titel anfordern, sodass nicht nur Verlagseinreichungen auf der Longlist stehen müssen. Allerdings dürfen nur Bücher von Verlagen auf die Liste, die Mitglied im Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sind. Siehe auch Nachtrag unten.

Gerade in diesem Jahr gab es ein Buch, das viele zu den besten des Jahres zählen, das jedoch nicht auf der Longlist steht: »Im Frühling sterben« von Ralf Rothmann. Der Grund: Der Autor hat sich dem umstrittenen Preis verweigert und seinen Verlag angewiesen, es nicht beim Buchpreis einzureichen.

Verschobener Blick auf den Buchmarkt

Dass die Buchpreis-Jury einen verschobenen Blick auf den Buchmarkt hat, zeigt eine andere Beobachtung: In den letzten Jahren wurde immer wieder von vielen kleinen Verlagen kritisiert, dass sich auf der Liste nur Titel der großen Verlage befänden, der Hansers, Suhrkamps, Fischers und Co. Die Jury nehme offenbar die Titel von kleineren Verlagen gar nicht wahr, sondern nähme schon die Bekanntheit der Verlage und Konzernzugehörigkeit als erstes Auswahlkriterium. Die kleineren Verlage gründeten daraufhin sogar einen »Gegenpreis«: Die Hotlist – die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Daraufhin war in den folgenden Jahren festzustellen, dass auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis die Namen von kleinen Verlagen verstärkt auftauchten. Offenbar schaute man nun mit einem anderen Blick auf die eingereichten Bücher und sorgte für eine »Unabhängigkeitsquote«. Die gleiche Beobachtung lässt sich auch mit den Namen prominenter und bekannter Autoren machen, deren Anteil auf der Liste in den letzten Jahren ebenfalls zurückging, da auch hier die Kritik bestand, die Liste mache nur Bekanntes bekannter.

Longlist: Wer steht drauf und wer nicht?

Schauen wir also auf die Liste und was dort so alles auffällt – ohne freilich die Inhalte der Bücher zu kennen, was – wie oben erwähnt  – ja gar nicht möglich ist, da einige noch nicht erschienen sind:

  • Auf der Liste finden sich nur zwei »Promi-Autoren«: Ilija Trojanow und Feridun Zaimoglu.
  • Alina Bronsky, Rolf Lappert, Jenny Erpenbeck, Clemens J. Setz sind Autoren, die ebenfalls noch dem einen oder der anderen bekannt sein könnten. Gerade Clemens J. Setz gilt immer wieder als literarisches Wunderkind, das noch nicht genügend wahrgenommen werde.
  • Mit Valerie Fritsch und Monique Schwitter stehen zwei Autorinnen auf der Liste, die in diesem Jahr beim Bachmannpreis gelesen haben. Monique Schwitter erhielt dort keinen Preis.
  • Auch Gertraud Klemm steht auf der Liste, die 2014 beim Bachmannpreis vertreten war.
  • Oft dominierte in den letzten Jahren der Hanser Verlag die Liste. In diesem Jahr ist er nur mit einem einzigen Titel von Rolf Lappert vertreten. Der ebenfalls nominierte Ilija Trojanow ist von Hanser zu S. Fischer gewechselt.
  • Mit drei Nominierten führt der Suhrkamp Verlag die Verlagswertung an.
  • Je zwei Nominierungen gibt es für Kiepenheuer & Witsch, S. Fischer, Droschl und Wallstein Verlag. Zwei unabhängige Kleinverlage also, die sich stark positionieren konnten. Kiepenheuer und Fischer gehören zum Holtzbrinck-Konzern.

Interessant auch, wer nicht auf der Liste steht:

  • Ralf Rothmann, weil er seinen Verlag Suhrkamp angewiesen hat, seinen Titel nicht zum Wettbewerb einzureichen.
  • Dana Grigorcea, die in Klagenfurt den 3sat-Preis gewonnen hat.
  • Nicht vertreten sind die literarisch durchaus ambitionierten Verlage Verlage C. H. Beck, Rowohlt, Diogenes, Ullstein, dtv
  • Auch die Herbsttitel von Nora Bossong, die einen Roman bei Hanser veröffentlicht, Katharina Hacker oder Matthias Nawrat sind nicht gelistet.

Das muss nichts bedeuten, denn schließlich kann es der Verlag einfach nur versäumt haben, Titel einzureichen. Ergänzung: Oder die Jury hatte die Titel nicht im Blick.

Am 16. September 2015 um 10 Uhr geht es dann weiter, wenn 6 der 20 Titel auf die  Shortlist gesetzt werden. Mal sehen, wie zeitnah dies auf der Preiswebsite geschehen wird. Sicherlich wird dann auch unser Textkritiker Malte Bremer einen Blick in die 6 nominierten Titel werfen.

Welcher dieser 6 Titel dann den Deutschen Buchpreis 2015 bekommt, wird zwei Tage vor der Frankfurter Buchmesse, am 12. Oktober 2015, bei der feierlichen Preisverleihung in Frankfurt bekannt gegeben. Übrigens: Gewinnen kann nur eine Autorin oder ein Autor, die oder der an diesem Abend auch anwesend ist.

Ergänzung: Laut Börsenverein besteht keine Anwesenheitspflicht bei der Preisverleihung (siehe Nachtrag unten).

Wolfgang Tischer

Ergänzung vom 25. August 2015, 10:55 Uhr: Diese kleine Notiz hat große Diskussionen ausgelöst. Zwei Korrekturen und Ergänzungen habe ich bereits eingefügt. Leider gibt es bezüglich der Modalitäten zum Buchpreis noch widersprüchliche Aussagen, sodass ich ich eine Liste von Fragen an den Börsenverein geschickt habe. Interessant ist z. B. die Frage, was passiert, wenn ein Verlag mehr als zwei Titel einreicht, und ob dies vorkommt. Interessant ist auch die Frage, wie viele zusätzliche Titel neben den 167 Einreichungen die Jury noch angefordert hat. Da drei Suhrkamp-Titel auf der Liste stehen, müsste es zumindest theoretisch mindestens einmal der Fall gewesen sein. Überhaupt: Ist die vollständige Einreichungs-/Bewertungsliste einsehbar? Welche 110 Verlage haben Titel eingereicht? Es würde zumindest eine spätere Inhaltsdiskussion obsolet machen, wenn man wüsste, dass Titel x gar nicht erst eingereicht bzw. angefordert wurde. Sobald mir die Antworten vorliegen, werden sie hier zu lesen sein.

Nachtrag vom 25.08.2015:
Auskunft vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Nun liegen Antworten vom Börsenverein vor. Aufgrund der Urlaubssituation nicht hochoffiziell von alleroberster Stelle als wörtliches Zitat, aber dennoch so umfassend, dass über die Modalitäten bessere Klarheit herrscht:

  1. Es gibt für die Verlage keine Einreichungs- oder Bearbeitungsgebühr.
  2. Nur Verlage, die Mitglied beim Börsenverein des deutschen Buchhandels sind, können Titel zum Deutschen Buchpreis einreichen.
  3. Jeder Verlag kann nur zwei Titel einreichen. Zusätzlich können der Jury aber fünf Titel empfohlen werden. Die Jury darf so viele Titel anfordern wie sie möchte – aus den Empfehlungen oder darüber hinausgehend. Es gibt keine Grenze, wie viele Titel eines Verlages auf der Longlist stehen dürfen.
  4. Die Liste der Einreichungen und Nachforderungen der Jury ist auf Wunsch der Verlage nicht öffentlich einsehbar.
  5. Die Jury muss sich beim Nachfordern an die Einreichungskriterien halten (siehe hier), Bücher von Nicht-Mitgliedern können also nicht angefordert werden.
  6. Im Jahre 2015 hat die Jury 32 Titel nachgefordert.
  7. Bei der Preisverleihung bestand noch nie eine Anwesenheitspflicht für die Autoren der Shortlist.

Somit ist die Anwesenheitspflicht offenbar ein hartnäckiges Gerücht. Selbst der Hessische Rundfunk schreibt in einem letztjährigen Bericht zum Deutschen Buchpreis, dass Anwesenheitspflicht bestehe:

Die Verleihung läuft ab im Stile einer Oscar-Verleihung: Alle sechs Nominierten der Shortlist haben Anwesenheitspflicht. (Hessischer Rundfunk, August 2014)

Offenbar hat der Autor Daniel Kehlmann das Gerücht von der Anwesenheitspflicht gestärkt. Kehlmann kritisierte bereits 2008 die Vergabemodalitäten des Preises, u. a. die Anwesenheitspflicht. Diesen Punkt bekräftigte er in einem Welt-Interview im Jahre 2013, in dem er allgemein von »Anwesenheitspflicht« spricht. Jedoch schreibt Kehlmann 2008 in seinem Beitrag für die FAZ nicht von einer offiziellen Anwesenheitspflicht, sondern von mehr oder weniger sanftem Druck:

Und man weiß auch – ich habe es selbst erlebt -, dass den nominierten Autoren zuvor inoffiziell mitgeteilt wird, dass ein Fernbleiben von der Preisveranstaltung automatisch den Ausschluss bedeuten würde. Mag ein Buch auch epochal gelungen sein, – ist sein Autor nicht bereit, Beruhigungsmittel zu schlucken und gewissermaßen körperlich zum Wettkampf anzutreten, wird er den Preis nicht bekommen, ein entscheidender Unterschied etwa zu National-Book-Award und Booker-Prize, die selbstverständlich regelmäßig an Abwesende verliehen werden. (Daniel Kehlmann in einem Beitrag für die F.A.S vom September 2008)

Kehlmanns Beitrag trug den Titel »Entwürdigendes Spektakel«. In einer Replik antwortete bereits 2008 der damalige Vorsteher des Börsenverein Gottfried Honnefelder:

Die Modalitäten des Deutschen Buchpreises sind allemal bei Goncourt und Booker abgeguckt. Von einer Anwesenheitspflicht höre ich durch Sie das erste Mal. (Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder im September 2008)

8 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Erika schrieb am 24. August 2015 um 19:18 Uhr

    Liebes Literaturcafe!

    Dass ausgerechnet ihr, als so ziemlich letzter Blog zur Longlist publizierend, nämlich geschlagene 5 Tage nach Vorstellung derselben, einen Artikel raushaut, der dann auch noch auf die verzögerte Veröffentlichung auf der Homepage des Deutschen Buchpreises draufhaut, finde ich ja eher lächerlich. Als ob es da auf jede Sekunde oder Minute ankäme, du liebe Zeit! Mit der lediglich-als-Cover Präsentation der Liste auf der Seite habt ihr natürlich recht, aber mei.
    Aber dann heisst es bei euch:

    “Zu vielen Büchern lässt sich noch gar nichts sagen, da sie noch nicht erhältlich sind.”

    Das ist ein ziemlicher Quatsch, denn von den 20 Büchern auf der Longlist sind -Stand: heute- gerade mal 3 noch nicht lieferbar (als die Longlist vorgestellt wurde, waren es auch nur 2 mehr, nämlich insgesamt 5, Trojanows “Macht und Widerstand” kam aber gleich am nächsten Tag offiziell heraus, lag aber zB schon ein paar Tage bei den großen Filialisten aus, wie das eben immer so ist mit den Neuerscheinungen. Wer seine Bücher nur bei Amazon bezieht, bekommt das aber vielleicht nicht mehr mit). Dass das Literaturcafe anscheinend mit der Besprechung der bereits vorliegenden Publikationen der Nominierten überfordert ist, kann man wohl schwer der Longlist anlasten.

    “Rezensionsexemplare liegen höchstens einigen Redaktionen vor.”
    Auch das scheint mir nicht korrekt zu sein, denn die Buchpreisblogger zB haben ja auch schon Vorabexemplare bekommen, was man so hört (selbst für das ja nicht ganz unwichtige Literaturcafe sollten sich Vorabexemplare machen lassen – wenn man denn wollte, denn heutzutage wird verlagsseitig ja gefühlt an jeden Reichweite versprechenden Buchblogger ein Reziexemplar verschickt, aber wer bislang eher durch ausführliche Kindletests als durch regelmäßige ernsthafte Buchbesprechungen aufgefallen ist, wird wohl eher nicht mit Rezensionsexemplaren bedacht).

    “…hat sich dem umstrittenen Preis verweigert…”

    Wo bitte ist der Preis denn umstritten? In welchen medialen Erzeugnissen in Deutschland (oder A / CH) wird denn darüber regelmäßig diskutiert, ob man den Preis abschaffen oder anders gestalten sollte? Ich sehe diese Diskussion nirgends.

    “Das ist immer wieder der Hauptkritikpunkt am Deutschen Buchpreis: Er erwecke den Eindruck, als wären diese 20 Bücher die besten des Herbstes.”

    Selbst wenn das mit den 20 besten Bücher des Jahres (wo genau steht das eigentlich bzw. wo oder wodurch wird dieser Eindruck erweckt?) so sein sollte, müsste man dann nicht vielmehr darüber diskutieren, weshalb man dieses Narrativ des Deutschen Buchpreises auf- und übernimmt, indem man brav diese Bücher bespricht oder auch nur darüber spricht oder schreibt? Man kann diesen Preis aus vielen (guten) Gründen auch einfach ignorieren, aber das macht ihr ja auch nicht! Und wo überall wird denn die alternative Hotlist detailliert besprochen? Im Literaturcafe ja anscheinend nicht. Meines Erachtens ist dieser Buchpreis nur einer von vielen (unzähligen) Buchpreisen in Deutschland, eben ein Angebot zur Orientierung, wer selbst denken kann, wird das schon einordnen können. Was hätte das Literaturcafe eigentlich geschrieben, wenn auf der Longlist mal ein Selfpublisher (vorausgesetzt er gründet noch schnell einen Verlag und wird Mitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels) oder jemand aus diesem Bereich, der es mit seinem Werk in einen etablierten Verlag geschafft hat, gestanden hätte? Ich kann mir gut vorstellen, wenn dann an dieser Stelle plötzlich von der “Innovationskraft” des Deutschen Buchpreises die Rede wäre. Wäre dann der Preis immer noch diskussionswürdig und “umstritten”?

    Und dass Ilija Trojanow ein Promiautor sein soll, während Clemens Setz (nach jetzt wievielen Jahren und Werken immer noch) als Wunderkind herhalten muss, also bitte! Das ist doch selbst unter eurem Niveau.

    Kopfschüttelnd grüsst euch

    Erika

  2. Redaktion schrieb am 24. August 2015 um 23:31 Uhr

    Liebe Erika,

    vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe.

    Wenn auf der Website des Veranstalters zu lesen ist

    Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten Roman in deutscher Sprache aus.

    so ist die Longlist – zumindest aus Sicht der Veranstalter – die Liste der 20 besten Bücher des Jahres. Darüber kann und darf diskutiert werden, und über Sinn und Unsinn des Preises wird mit steter Regelmäßigkeit diskutiert. Bereits Daniel Kehlmann hat dies 2008 getan und auch Rothmanns Verweigerung hat die Diskussion in diesem Jahr erneut angefacht (siehe z. B. auch FAZ-Artikel vom letzten Jahr). Häufig kommt die Kritik aus Autorenkreisen, denen manche(r) vielleicht Neid unterstellen mag. Sei’s drum!

    Wie bei allen Preisen ist es wichtig, den Weg der Entscheidungsfindung zu kennen, um das Ergebnis einzuordnen. Denn jenseits aller Geschmacks- und Qualitätsdiskussion ist der Anspruch des Veranstalters Unsinn, den besten Roman in deutscher Sprache auszuzeichnen zu wollen, wenn es sich um einen Preis handelt, für den man sich bewerben muss. Dieser Anspruch könnte glaubhaft nur erhoben werden, wenn die Jury sich eigeninitiativ umschauen würde.

    So gesehen sind die lediglich 167 zum Wettbewerb eingereichten Bücher eine verschwindend geringe Zahl gegenüber der Gesamtzahl neuer Romane. Die 167 Titel stammen laut Veranstalter von 110 Verlagen. Das wären im Schnitt rund 1,5 eingereichte Romane pro Verlag. Dass bei diesem Schnitt allein 3 Suhrkamp-Titel auf der Longlist stehen, ist umso bemerkenswerter, wenn auf der Website zu lesen ist »Mitgliedsverlage aus Deutschland, Österrreich (sic!) und der Schweiz konnten maximal zwei Neuerscheinungen vorschlagen«. Bedeutet das, dass einige Verlage Titel der Konkurrenz vorgeschlagen haben? Umgekehrt hypothetisch gefragt: Was wäre, wenn Suhrkamp, S. Fischer und KiWi sich entschieden hätten, in diesem Jahr keine Romane einzureichen? Per Definition des Veranstalters können die Romane dieser Verlage dann automatisch nicht zu den besten des Jahres zählen. Anspruch und Wettbewerbsmodalitäten passen nicht wirklich zusammen.

    Anders drückte es die Autorin Marlene Streeruwitz im letzten Jahr in einem ebenfalls kritischen Artikel zum Deutschen Buchpreis aus: »Sanft und freundlich – “Sie müssen ja nicht mitmachen“ – wird der Markt so umgebaut, dass nur noch Zugelassene sichtbar werden«.

    Beste Grüße
    Wolfgang Tischer
    literaturcafe.de

  3. Hannah schrieb am 25. August 2015 um 09:37 Uhr

    Nur zur Info: Es besteht meines Wissens keine Teilnahmegebühr für Verlage (wo kommt das her?), und was die Zahl der Einreichungen angeht bzw. die Auswahl der Jury, so dürfte dieser Satz von Bedeutung sein: “Die Jury sichtet alle Einsendungen und fordert bei Bedarf zusätzliche Titel an, die sie für geeignet hält”. Zu lesen unter http://www.deutscher-buchpreis.de/der-preis/.
    Viele Grüße!

  4. Jonathan Beck schrieb am 25. August 2015 um 10:14 Uhr

    Lieber Herr Tischer,

    jeder Verlag darf nur zwei Titel einreichen, daher die vermeintlich geringe Anzahl von eingereichten Titeln. Und: Die Möglichkeit, dass ein Verlag es “versäumt”, einen potentiellen Preisträger für diesen wichtigen Preis einzureichen, können Sie getrost ausschließen.

    Viele Grüße,
    Jonathan Beck

  5. Wolfgang Tischer schrieb am 25. August 2015 um 12:53 Uhr

    Nochmals: Vielen Dank für Kommentare, Kritik, Anmerkungen und Ergänzungen.

    Zwischenzeitlich liegen zu einigen Detailfragen Antworten vom Börsenverein vor, die oben als Nachtrag ergänzt sind.

  6. Manfred Keiper schrieb am 25. August 2015 um 13:06 Uhr

    Ich gebe zu, ich finde die mittlerweile alljährliche Kaffeesatzleserei nur noch belustigend und irritierend, wie viel Zeit deren AutorInnen dafür erübrigen.
    Statistik zu betreiben ist zwar auch nett, aber was soll´s. Die Wahrheit sieht wohl viel einfacher aus, was ich mir als ehemaliges Mitglied der DBP-Jury (2008) herausnehme:
    Die Regularien sind klar und werden eingehalten (zwei Romane kann jeder Verlag einreichen), die Jury kann weitere anfordern. Ohnehin: Die Jury ist unabhängig! Egal, ob auf dem DBP Börsenverein oder irgendein Sponsor drauf steht, die Jury ist souverän – und damit jeder einzelne Juror -, wird vorher von der DBP-Akademie vorgeschlagen/ausgewählt. Und die Juroren wechseln jedes Jahr. Es gibt beim DBP also nicht DIE Jury, wer Kontinuität, feste Strukturen, gar Klüngel vermutet, versinkt schon in Schlimmerem als Kaffeesatz.
    Ich gebe zu, in all den anderen Jahren selbst andere Favoriten für den DBP auf dem Schirm gehabt zu haben, beteilige mich selbst nicht an Vermutungen, suche mir AutorInnen für meine Lesungen immer noch nach eigenen Kriterien aus, und freue mich, wenn diese beim DBP oder anderen in die engere Auswahl kommen (in diesem Jahr sind es 3). Ich glaube, dass gerade durch “dieses System” der DBP interessant ist und bleiben wird. JedeR JurorIn wird wohl öffentliche Diskussionen beobachten und reflektieren. Insofern sind solche Aktionen auch für die JurorInnen eine Bereicherung – und für das Lesepublikum ohnehin. Und keine Jury ist gottähnlich (“Der beste Roman …” – Ja, für DIESE Jury!), wie überhaupt jede Jury, sei es beim Raabe-, Kranichsteiner oder Nobelpreis. Es sind Menschen, kompetente im Genre, aber alle mit eigenen Ansichten, die sie zu einer Einigung führen müssen. Unsere Literaturszene ist äußerst vielfältig, unsere Ansichten auch, und leider gewinnt den DBP nur eineR. Doch zum Glück gibt es ungefähr 200 Literaturpreise mit ungefähr 200 Jurys im deutschsprachigen Raum, und ich glaube, die Literatur kann nie so eindeutig sein, dass ein Roman/Buch/AutorIn alle diese Preise gewinnt- und das ist auch gut so! Wir vergessen häufig, dass der DBP sich im Man Booker Price, im Prix Goncourt u.a. spiegeln wollte, damit deutschsprachige Literatur international stärker wahr genommen wird. Und das ist mit dem DBP gelungen, unterschiedlich zwar, aber egal, ob es wirklich der “beste” Roman gewesen ist.
    Mit freundlichen Grüßen Manfred Keiper

  7. Peter E. Pahlberg schrieb am 13. September 2015 um 16:46 Uhr

    Die Diskussion darüber, welche Marketing-Dienstleistungen (z. B. Literaturpreis-Spektakel) ein Interessenverband (“Börsenverein”) für seine zahlenden Mitglieder erbringen darf oder auch nicht darf, scheint mir ziemlich überflüssig.
    Wir wissen ja, dass unser Literaturbetrieb – dem “Börsenverein” sei Dank – nun mal eher stringent geregelt ist. Man denke nur an die Buchpreisbindung oder an die schäbigen 5-7% Tantieme, die ein Verlag seinen Autoren zahlt. Das system funktioniert wie geschmiert. So besprechen die “Feuilletonisten” vorwiegend nur Ersterscheinungen großer Verlage, weil diese ja die Werbeanzeigen schalten.
    Es ist also nicht verwunderlich, wenn AMAZON dieses scheinbar festzementierte System ein wenig aufweicht und uns “Selfpublishers” eine Plattform bietet. Man darf gar nicht laut sagen, dass hier die eBook-Autoren Tantiemen von bis zu 70% erzielen können.
    Ich denke, es ist höchste Zeit, dass was passiert. Die Geschichte lehrt uns, dass verkrustete Strukturen auf Dauer keinen Bestand haben. Man wundert sich nur, dass deutsche Autoren sich immer noch von Verlagen “ausbeuten” lassen.

  8. Wolfgang Tischer schrieb am 17. September 2015 um 17:11 Uhr

    Ja, liebe Erika, auch wenn Sie mit dem Kopf schütteln (und ich kann Sie da gut verstehen), Clemens J. Setz bleibt weiterhin das literarische Wunderkind, das noch nicht genügend wahrgenommen wird. Malte Bremer hätte ihn gerne auf der Shortlist gehabt und für Richard Kämmerlings von der Welt ist gar der ganze Deutsche Buchpreis sinnlos, weil die Jury die Qualität von Setz’ Buch nicht erkannt habe und es auf der Shortlist fehlt.

    Sie sehen also: Auch wenn Sie es selbst nicht wahrgenommen haben, der Buchpreis ist und bleibt umstritten. Medial gesehen wahrscheinlich das Beste, das ihm passieren kann.

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