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Dreist: Zuschussverlag macht Elke Heidenreich ungefragt zur Herausgeberin eines seiner Bücher [Nachtrag]

Screenshot: Deutsche LiteraturgesellschaftEinige Zuschussverlage, bei denen Autoren für eine Veröffentlichung zahlen, sind für ihre einschlägigen Methoden und ihr rigoroses Vorgehen gegen Kritiker berüchtigt. Um zahlungswillige Kunden zu ködern, wird dort oft mit wohlklingenden Autorennamen à la Schiller und Goethe geworben, die sich dagegen nicht mehr wehren können.

Umso mehr erstaunt es, dass ein Zuschussverlag mit der hochtrabenden Bezeichnung »Deutsche Literaturgesellschaft« mit dem Namen und dem Konterfei Elke Heidenreichs wirbt. Für Mai 2009 ist auf der Website des Verlages ein neuer Titel angekündigt, bei dem Elke Heidenreich scheinbar als Mitherausgeberin fungiert. Groß ist ihr Gesicht auf dem Cover abgebildet. »Bücher könnte ich lassen, Oper nie!« lautet der Titel (siehe Screenshot).

Wir haben bei Elke Heidenreich nachgefragt. Eindeutige und unmissverständliche Antwort: Elke Heidenreich kennt weder den Verlag noch das Buch. Sie würde auch nie bei »so« einem Verlag veröffentlichen.

Deutsche Literaturgesellschaft wirbt mit Nazi-Opfern um zahlungswillige Autoren

Doch der Zuschussverlag wirbt nicht nur dreist und ungefragt mit dem Namen Elke Heidenreich. Auch im Dritten Reich verfolgte Schriftsteller und Kulturschaffende werden in besonders unappetitlicher Weise als Köder für naive und unerfahrene Autoren missbraucht (siehe Screenshot).

»Wo heute unser Verlagssitz ist, befand sich einst das »Romanische Café«, der berühmteste Treffpunkt der Literaten, Journalisten, Theater- und Filmleute im Berlin der Zwanziger Jahre«, ist auf der Verlagswebsite zu lesen.

Was dort nicht steht: Der angebliche Verlagssitz ist im Grunde genommen nicht mehr als eine Briefkastenfirma. Die vornehme Berliner Adresse ist käuflich. Sie wird von einem Unternehmen der Dussmann-Gruppe angeboten, zu der auch das bekannte Berliner Kulturkaufhaus gehört. »Attraktive Geschäftsadressen ab 65 Euro«, so bewirbt der Dienstleister die virtuellen Büros.

In der Satzung der dubiosen Deutschen Literaturgesellschaft heißt es nach eigenen Angaben: »Zweck der Gesellschaft ist die Förderung deutschsprachiger Literatur und die Förderung neuer Autoren.«

Doch ein uns vorliegender Verlagsvertrag belegt, dass die Förderung offenbar in eine ganz andere Richtung geht: Sage und schreibe fast 10.000 Euro will der »Verlag« von einem unbekannten Autor für eine Veröffentlichung haben.

Geschäftsführer Jörgen Ellenrieder ist nicht ganz unbekannt

Als Geschäftsführer der »Deutsche Literaturgesellschaft« ist auf der Website Jörgen Ellenrieder aufgeführt. Unter dem Namen Jörgen Hansen gibt er angeblich das erwähnte Buch zusammen mit Elke Heidenreich heraus, die davon jedoch nichts weiß.

Der Buchtitel »Bücher könnte ich lassen, Oper nie!« sei laut Elke Heidenreich ein Zitat aus einem Interview für ihre Musikedition, die demnächst im Hause Bertelsmann erscheint. Das Zitat wurde ihr schlichtweg geklaut und unautorisiert verwendet.

Jörgen Hansen, der sich selbst auch schon mal gerne als »schwedischer Erfolgsautor« bezeichnet, ist Kennern der Zuschussbranche jedoch bereits unter dem Doppelnamen Jörgen Hansen-Ellenrieder bekannt.

Als Partner von Rodja Smolny trat er als schwedischer Vertreter der angeblich von dort stammenden Literaturagentur »Lindbergh & Well« auf. Diese Firma war jedoch in seriösen schwedischen Literaturagenturkreisen gänzlich unbekannt.

Ein Bericht des NDR zeigte Ende 2007, dass es »Lindbergh & Well« offenbar nur darum ging, von unbekannten Autoren Geld für ein kostenpflichtiges Lektorat zu kassieren.

Nach dem Fernsehbeitrag ging sowohl die deutsche als auch die schwedische Website offline, für die Jörgen Hansen-Ellenrieder als Ansprechpartner fungierte (siehe Screenshot). Nun setzt er seine Arbeit anscheinend wahlweise als Jörgen Hansen oder Jörgen Ellenrieder bei der »Deutschen Literaturgesellschaft« fort. Der Geschäftsführer war übrigens unter der im Impressum genannten Telefonnummer für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Telefonnummer der Deutschen Literaturgesellschaft, die mit dem Dussmannschen Hauptanschluss identisch ist und statt der -0 auf dem Nebenanschluss -144 endet (siehe Screenshot hier und hier), wurde auf einen anderen Anschluss der Firma Dussmann-Office weitergeleitet – dort ging niemand ran.

Ob und in welcher Form Elke Heidenreich gegen den Missbrauch ihres Namens vorgehen wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Nachtrag vom 24. Juni 2008:
Weniger illegal als erwartet: Das Buch mit Texten Elke Heidenreich ist tatsächlich erhältlich

Unglaubliches ist passiert: Wir haben das Werk bei Amazon bestellt – und es liegt nun tatsächlich auf dem Redaktionsschreibtisch! In einem weiteren Bericht erklären wir, wie es dazu kommen konnte, dass im Buch tatsächlich Texte von Elke Heidenreich enthalten sind.
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Kommentare

  1. Andreas Wilhelm schrieb:

    Vielen Dank für diesen Artikel, der nicht nur die bisherigen Recherchen gut zusammenfasst, sondern auch den aktuellen Fall ausführlich dokumentiert, inklusive Screenshots der Website, die sich vermutlich bald ändern wird.
    Die “Deutsche Literaturgesellschaft” ist ein Beispiel par excellence wie kackfrech einige Menschen versuchen, Geld zu machen. Offenbar losgelöst von jeglicher Moral und jeglichem Schuldempfinden. Mit immer neuen Ideen und ausreichend Geld für schicke Websites aber glücklicherweise nicht ausreichend Intelligenz, um sich nicht irgendwann selbst ins Knie zu schießen.
    Leider gilt: Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter, und daher gehe ich davon aus, dass unsere alten Bekannten demnächst an anderer Stelle wieder den Kopf aus dem Sumpf strecken werden.
    Nun, wir werden da sein.

  2. Hans Peter Roentgen schrieb:

    Interessant, dass alle diese Leute sich immer auf “Literatur” berufen. Etwas weniger darf es nicht sein, “Kommerz” ist ihnen immer ein Übel und die Kunst heilig.

    Zumindest auf dem Papier

    Hans Peter Roentgen

  3. Petra van Cronenburg schrieb:

    Link zu diesem Beitrag:
    http://cronenburg.blogspot.com/2009/04/missbrauch.html

  4. Roswitha Kammerl schrieb:

    Leider sind diese Abzocker nur schwer zu fassen, weil ihnen die deutsche Gesetzeslage zu viele Schlupflöcher läßt und man daher diesen Gaunern nur schwer das Handwerk legen kann. Sie verkriechen sich, wenn es eng wird und tauchen unter neuem Namen später wieder auf. Ich kann allein aufgrund meiner traurigen Erfahrungen einen recht üppigen Tatsachenroman über dieses Thema verfassen, den ich dann wieder einem Zuschussverlag überlasse.

  5. Carina Hackbarth schrieb:

    Na- das nenne ich dreist und unüberlegt und zeugt nicht gerade für Intelligenz. Das kann und wird ja richtig teuer werden…..Ich glaube nicht, dass Frau H. sich das gefallen läßt und zu Recht. Da würde jeder gegenan gehen.

  6. Theater Blog Berlin schrieb:

    Es gibt doch keinen Bereich, in dem sich solche Mensche nicht finden – in der Kultur ist es jedoch besonders erschreckend!
    Danke für den ausführlichen Artikel und wollen wir hoffen, dass er dazu beiträgt, dass junge Autoren nicht mehr auf so üble Machenschaften hereinfallen.

    Nochmals vielen Dank und viel Erfolg bei Eurer weiteren Arbeit!

  7. Hella Deege schrieb:

    Man gut das ich im Internet gegraben habe.
    Frisch auf dem Tisch, liegt mir eine “Zusage” dieses dubiosen Verlages vor.
    Fein säuberlich mit “Jörgen Ellenrieder” unterschrieben.
    Großzügig darf ich den “Druckkostenvorschuß” in monatlichen Raten, (72×210,00E) zahlen.
    Am liebsten würde ich die Staatsanwaltschaft damit beschäftigen.
    Ich werde meine Manuskripte zurück fordern und weiter nach einem seriösen Verlag suchen. Ich zahle doch nicht, wenn ich Qualität liefere. Das ich gut bin, meine Manuskripte Bestseller sein könnten, wird irgendwann ein Verlag bemerken. Da bin ich mir sicher. Im übrigen gibt es noch so einen “netten” Verlag in Frankfurt/M. Hat auch einen Klassiker als Zugpferd.
    H. Deege Hannover

  8. Helmut Soeder schrieb:

    Diesen Erfahrungen kann ich eine weitere hinzufügen.

    Unter 6). des Verlagsvertrags steht: Der Autor verzichtet auf jedes weitere Absatzhonorar aus dem Verkauf der Erstauflage (1000 Stück) und erklärt mit der Übergabe der Freiexemplare (20 Stück) seines Werkes sämtliche Honoraransprüche für die Erstauflage als abgegolten.
    Für ein 240 Seiten umfassendes Taschenbuch werden unter 1). 8.619,22€ verlangt. Kleinstgedruckt: unter 4).: zzgl. Mehrwertsteuer. Wer das Kleingedruckte nicht genau studiert, zahlt 8.619,22 + 7% = 9222,57 € für zwanzig Taschenbücher. Denn: Absatzmeldungen, Honorarabrechnungen und Zahlungen erfolgen ab dem 1. honorarpflichtigen Verkauf. Danach hört er nichts mehr und darf niemals fragen, wie viele Bücher denn verkauft wurden. Denn ein Bezahlverlag verkauft kaum mehr als hundert Bücher.
    Beide Parteien vereinbaren Vertraulichkeit. Da darf der geprellte Autor nachher noch nicht mal darüber berichten.
    Das alles sind ganz perfide Klauseln.

  9. Carina Hackbarth schrieb:

    Der letzte Beitrag zeigt, was da an horrenden Summen genommen wird. Da kann man am besten alles selbst machen. Jemanden bezüglich Lektorat fragen, dann eine gute Druckerei in der Nähe des Wohnortes aussuchen. Kostenvoranschlag geben lassen. Drucken lassen. Dann von Buchhandlung zu Buchhandlung gehen, sich und sein Werk vorstellen, fragen, ob diese es auf Kommissionsbasis nehmen. Wenn ja, Lieferschein ausfüllen, sich nach einem halben Jahr melden und abrechnen bezüglich verkaufter Exemplare. Den Rest wieder mitnehmen und sich so an mehrere Buchhandlungen wenden. Vielleicht auch Lesungen veranstalten. Dies kommt billiger und ist effektiver. Diese Verlage tun weniger und man sitzt auf einen Berg Schulden. Als unbekannter Autor muß man selbst etwas tun. Das ist meine Erfahrung. Und immer schreiben und sich an Zeitschriften wenden, die etwas suchen. So lernt man und freut sich über kleine Honorare. Auch ein Stephen King hat so mal angefangen. Niemand wird gleich berühmt. Es ist viel Arbeit. Wenn solche Verlage versprechen, sie kümmern sich um alles und man hat die Möglichkeit schnell berühmt zu werden, sollte man immer erst mißtrauisch sein, auch wenn es schön klingt.

  10. RK schrieb:

    Liebe Freunde,
    ich hatte zwar eine Agentin für mein Buch, aber auch mit ihrer Hilfe konnte ich keinen Verlag finden, der bereit war, es abzudrucken. Jetzt habe ich mein Werk via “Books on Demand” auf dem Markt und sogar schon einen kleinen Umsatz eingefahren. Für einen Neuling ist das durchaus eine Alternative. Liebe Grüße

  11. Hella Deege schrieb:

    Ich habe an ca. 30 Verlage Leseproben oder kompl. Manuskripte geschickt. Hatte jede Menge Kosten, von wegen Rückporto. Keinen Namen, keinen Erfolg. So ist nämlich die Tatsache. Da nimmt man lieber amerik. Schreiber…, warum auch immer!!!
    Irgendwann gibt man auf. Trotzt das mir ein L-Agent versicherte, dieses Manuskript ist Bestseller verdächtig. Ich schätze mal, auch er wollte mit Speck Mäuse fangen. Ch. Burton

  12. Carina Hackbarth schrieb:

    Bezüglich Books on Demand möchte ich hinzufügen, dass es auch nicht kostengünstig ist. Es sei denn, man ist technisch sehr versiert und kann vieles selbst machen. Das richtige Layout u.s.w. muß stimmen. Man muß es technisch so vorbereiten, dass es günstig von BOD übernommen wird. Dann kommen noch die monatlichen Kosten hinzu für die Datenpflege. Das sind im Jahr gut über 20 Euro. Und das jedes Jahr. Man ist auf 5 Jahre gebunden. Kann in dieser Zeit sein Manuskript nicht anderen anbieten. Wenn es jemand anderer nehmen würde, kämen auch noch mal Kosten hinzu, wenn BOD auf die Rechte verzichtet. Und man muß auch viel selbst machen. Alles andere muß man bezahlen. Dies sollte man gut bedenken.

  13. A. Graf schrieb:

    Zum Kommentar von Fr. Deege.
    mir ist das selbe angeboten worden, dieser Jögen Ellenrieder wollte knapp € 21.000,00 für den Gesamtaufwand von mir. So eine Dreistigkeit habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ich hoffe das die Staatsanwaltschaft dieses Thema aufdeckt um dem ein Ende setzen !

Links zu diesem Beitrag in Weblogs

  1. Elke Heidenreich unwissentlich zur Herausgeberin gemacht « Newsblog: Autor Philipp Bobrowski am 19. April 2009 um 08:18 Uhr

  2. Ist das die gngige Arbeitsweise von Zuschussverlagen? - LITERATUR-FORUM | Online-Forum fr literarische Diskussionen am 21. April 2009 um 12:13 Uhr

  3. Dreist: Zuschussverlag missbraucht Elke Heidenreich zu Werbezwecken « DER ONLINE REPORT - Aktuelle Berichte aus Politik, Kunst, Kultur, Sport, Wirtschaft und Gesellschaft am 21. April 2009 um 16:21 Uhr

  4. Elke Heidenreich rechtens hintergangen? « Newsblog: Autor Philipp Bobrowski am 25. Juni 2009 um 12:16 Uhr

  5. Immateriblog.de - Matthias Spielkamp über Immaterialgüter in der digitalen Welt am 27. Juni 2009 um 10:06 Uhr

  6. Texte shoppen bei der FAZ - quillp magazin am 28. Juni 2009 um 16:30 Uhr

  7. Texte shoppen bei der FAZ « Anja Krieger am 11. Juli 2009 um 21:20 Uhr

  8. [fertig]Verlage der Eitelkeit – Lug und Betrug. « Eigentlich.info am 29. September 2009 um 09:05 Uhr

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