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Der Nebel: Stephen Kings literarischer Schluss-Trick

Stephen King: Im MorgengrauenSelbstverständlich werden auch wir uns die Verfilmung [1] von Stephen Kings Kurzroman »Der Nebel« ansehen. Bei uns konnten Sie mit etwas Glück Freikarten für den Film gewinnen [2]. Der Film wird u.a. mit einem Zitat der us-amerikanischen Ausgabe der Zeitschrift MAXIM beworben. Diese attestiert der Literaturverfilmung »eines der überraschendsten Enden der Filmgeschichte«. Nicht nur diese Aussage war Grund genug für uns, vor dem Kinobesuch die literarische Vorlage zu lesen. Sie befindet sich im Band »Im Morgengrauen [3]« (Ullstein Taschenbuch, deutsch von Alexandra von Reinhardt). King hat den Kurzroman Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben, er ist also schon über 20 Jahre alt. Und wie endet die literarische Vorlage?

Nun, wir verraten wohl nicht zu viel, wenn wir sagen, dass im Buch die Geschichte absolut offen endet. Es gibt weder ein Happy-End noch ein dramatisches Ende, bei dem alle tot sind. Interessant ist jedoch der Kniff, mit dem King den Leser darauf vorbereitet, dass die Handlung zwei Seiten später einfach ohne großen Knalleffekt enden wird. Bei der Geschichte handelt es sich um eine Ich-Erzählung. Schon recht früh macht King dem Leser klar, dass dieser Ich-Erzähler einen Rückblick auf das Geschehene schreibt und daher in vielen Punkten die Entwicklung bereits vorwegnimmt. Und so auch recht ironisch, was den Schluss der Geschichte betrifft:

Das also ist passiert. Jetzt wissen Sie alles. Das heißt, fast alles – zu einem allerletzten Punkt komme ich gleich noch. Aber Sie dürfen keinen ordentlichen Schluß erwarten. Es gibt kein »Und sie entkamen dem Nebel in den strahlenden Sonnenschein eines neuen Tages« oder »Als sie erwachten, war endlich die Nationalgarde eingetroffen«, nicht einmal jenes beliebte alte Hilfsmittel: »Es war alles nur ein Traum gewesen.«

Es ist vermutlich das, was mein Vater mißbilligend »ein Hitchcock-Ende« nannte, worunter er einen doppeldeutigen Schluß verstand, der es dem Leser oder Zuschauer erlaubte, eigene Erwägungen über den Ausgang anzustellen. Mein Vater hatte für solche Geschichten nur Verachtung übrig und bezeichnete sie als »billige Tricks«.