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Filmkritik zur Stephen-King-Verfilmung: »Der Nebel« hat sich schnell verzogen

Der Nebel»Der Nebel« hat sich schnell aus den deutschen Kinos verzogen. Bereits in der dritten Woche nach Starttermin muss man länger suchen, um ein Kino zu finden, in dem der Film noch gezeigt wird. »Der Nebel [1]« (The Mist, USA 2007) ist kein Blockbuster. Es gibt darin keine Hollywood-Stars (zumindest nicht die glamourösen), sodass die Medien über den Film kaum berichteten. Und ein Horrorfilm ist kein Werk für die breite Masse.

Doch Werbebudgets sind nicht alles. Nur wenn ein Film persönlich im Bekanntenkreis weiterempfohlen wird, hat er eine Aussicht, länger auf dem Spielplan zu bleiben.

Doch leider ist »Der Nebel« kein Film, den man unbedingt weiterempfehlen wird. Es ist jedoch auch kein Film, vor dem man die Leute warnen wird, was den Ticketverkauf ebenfalls fördern könnte. Jüngstes Beispiel war die FSK-Freigabe-Debatte [2] des Films »Keinohrhasen« – ein Glücksfall für die PR-Abteilung.

»Der Nebel« ist die Verfilmung eines Kurzromans von Stephen King [3]. Buch und Regie des Films lagen in den Händen von Frank Darabont, der mit früheren King-Adaptionen Meisterwerke wie »Die Verurteilten« (The Shawshank Redemption) auf die Leinwand brachte.

Mit »Der Nebel« konnte sich Darabont jedoch nicht entscheiden, ob er das Übersinnliche nur als Kulisse verwenden sollte, um menschliche Abgründe aufzuzeigen, oder ob er einen Horror-Film mit Splatter [4]-Effekten drehen sollte. So wurde der Film von jedem etwas – und daher nichts Ganzes. Viele Szenen schrammen an der Grenze billiger B-Movies vorbei oder überschreiten sie, wozu auch die größtenteils schlecht computeranimierten Monster zählen, die wie »auf den Film geklebt« aussehen.

Auf der anderen Seite gibt es herausragende Schauspieler. Hier hebt sich der Film wieder deutlich von den billigen Streifen ab. Darabont besetzt den Film nicht mit auswechselbaren Dutzendgesichtern, wie es in den Teeny-Slasher [5]-Filmen so oft der Fall ist. Im Gegensatz zum Buch nimmt der Regisseur sinnvolle Veränderungen vor. Die jugendlichen Störer und Besserwisser sind im Film bereits älter, und Marcia Gay Harden [6] glänzt als die fanatische und vom Glauben verblendete Mrs. Carmody. King lässt sie im Buch bereits in einem gelben Kostüm auftreten. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie im Film zur fanatischen Klischee-Figur verkommen zu lassen. Doch Darabont und Harden gestalten diese Figur sehr glaubwürdig.

Bedauerlich, dass Darabont in seinem Film die Schuldigen und die Erklärung für den unnatürlichen Nebel allzu deutlich nennt. King gibt in seinem Kurzroman zwar eindeutige Hinweise, lässt aber dennoch die letzte Gewissheit offen und auch am Schluss – wir hatten darüber bereits berichtet [7] – gibt es bei King weder ein Happy- noch ein Bad-End.

Doch der Kinozuschauer mag keinen offenen Schluss, so hört man aus Hollywood immer wieder. Man denke nur an das unsäglich angepappte Happy-End der ersten Blade-Runner-Fassung, die Ridley Scott später zum Glück in seinem Direcor’s Cut wieder entfernt hat.

Darabont hingegen montiert an seinen Film auch ein höchst konstruiertes Ende, das aufgesetzt wirkt und alles andere als happy ist. Aber es passt genauso wenig. Es als »eines der ungewöhnlichsten Enden der Filmgeschichte« zu bezeichnen, ist jedoch Quatsch, vor allen Dingen, wenn man Filme wie »Der Clou« oder »The Sixth Sense« als Maßstab nimmt. Wenn man für einen Film mit solchen Zitaten wirbt, schadet es ihm eher, als dass es ihm nützt.

Vielleicht muss man auch bei »Der Nebel« auf den Director’s Cut warten, denn weitere überflüssige Szenen tun dem Film ebenfalls nicht gut.

Das kurz angedeutete Liebesverhältnis zwischen der Supermarktangestellten und einem Soldaten ist der Versuch, dem Zuschauer den späteren Tod emotional etwas näher zu bringen, was überflüssig ist, da die überdeutlichen Makup-Effekte ohnehin wieder leicht komisch wirken.

So scheitert der Film an seiner eigenen Unentschlossenheit, obwohl die besten Voraussetzungen und Ansätze vorhanden waren, daraus ein bewegendes Filmdrama im besten Sinne zu machen. Auch Ausstattung und die zeitgemäße Kameraführung, die wirkt und nicht aufdringlich ist, sind als positiv hervorzuheben. Doch übertriebene Splatter-Effekte, schlechte Digitaleffekte und der aufgesetzte, artifiziell konstituierte Schluss, machen dies zunichte.

Nachtrag vom Juli 2010: Wie für den Bildschirm gemacht

Im Sommer 2008, lange nachdem der Film aus den deutschen Kinos verschwunden war, wurden zu unserer Filmkritik die ersten Kommentare geschrieben, die der Kritik widersprachen. Dies erschien zunächst merkwürdig, denn im Kino konnten die Kommentatoren den Film nicht mehr gesehen haben. Allerdings war der Film mittlerweile auf DVD erhältlich oder in den Videotheken auszuleihen.

Grund genug, den Film also nochmals nach einiger Zeit auf dem Fernsehschirm zu betrachten und zwar in der vom Regisseur ursprünglich geplanten Schwarzweißfassung. Leider ist bzw. war diese Fassung [9] nur in der »Limited Collector’s Edition« erhältlich. Frank Darabont spricht zu dieser Fassung eine kurze Einleitung.

Und siehe da: Der Film gewinnt tatsächlich durch das kleinere Bildschirmformat. Die Schwarzweißbilder lassen die Effekte und Monster weniger künstlich wirken, der Film wird zur gelungenen Hommage an die Monsterfilme der 1940er und 1950er-Jahre, der ungewollt wirkende B-Movie-Effekt der großleinwandigen Farbfassung ergibt auf einmal einen Sinn und passt.

Stephen King's - Der Nebel - Limited Collector's Edition [Blu-ray] [Limited Edition]. Blu-ray. 2008. Universum Film GmbH. ISBN/EAN: 0886973577196. EUR 5,33 » Bestellen bei Amazon.de [10]