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Beitrag vom 13. April 2015 | Rubrik: Literarisches Leben

Der Mann mit dem schönsten Anfangssatz: Günter Grass ist tot

Günter Grass

Günter Grass im Jahre 2007 (Quelle/CC: flickr, Das Blaue Sofa)

Der Tod eines Nobelpreisträgers – bekannt gegeben auf Twitter. »Im Alter von 87 Jahren ist heute morgen der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in einer Lübecker Klinik gestorben.«, schreibt der Steidl Verlag am 13. April 2015.

Günter Grass, 1927 in Danzig geboren, war eine moralische Instanz in Deutschland. Das bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers von 1999 ist ohne Frage »Die Blechtrommel«, die 1959 erschien. Oder liegt dies eher an der Aal-Szene in der Schlöndorff-Verfilmung?

Allerdings trug der studierte Grafiker und Bildhauer Grass selbst dazu bei, dass seine moralische Unfehlbarkeit immer mehr infrage gestellt wurde. 2006 gab er »Beim Häuten der Zwiebel« der breiten Öffentlichkeit bekannt, dass er mit 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS war. Warum und wieso und mit welch jugendlichem Enthusiasmus dies damals tatsächlich geschah, wurde seinerzeit zwar breit diskutiert, doch nie ganz geklärt. Der Makel blieb und für einige saß Grass fortan im Glashaus.

Auch die letzte große öffentliche Debatte um Grass verlief nicht positiv für ihn. Sein israelkritisches Gedicht »Was gesagt werden muss«, das er 2012 u. a. in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hatte, galt für einige Kritiker als antisemitsch. Israel verhängte ein Einreiseverbot gegen den Schriftsteller. Für andere waren die Reaktionen auf das Gedicht zu überzogen.

Mit dem Tode Grass‘ ist der Kreis der noch lebenden so genannten »Nachkriegsschriftsteller« und Mitglieder der Gruppe 47 erneut kleiner geworden. Mit  Grass ist ein »Großschriftsteller« gestorben, der trotz der Kontroversen bis zuletzt in den Medien Gehör fand, wenn er sich zu politischen Themen äußerte. Vielleicht ist der Typus des Schriftstellers mit politischer Stimme mit Grass sogar ganz gestorben. Die enge Politik-Literatur-Beziehung gibt es nicht mehr. Sie stammt aus einer vergangenen Zeit, als Brand noch Kanzler war und Günter Grass sich auch im Wahlkampf für die SPD einsetzte, obwohl er zunächst kein Mitglied der Partei war. Doch später bei Gerhard Schröder war der politische Schriftsteller eher zum Maskottchen geworden, zu einer Art kulturellem Anker mit historischen Bezügen. Grass selbst wollte den Geist der Gruppe 47 mit »Lübeck 05« wiederbeleben, was jedoch keine breite Resonanz mehr erfuhr.

Neben dem Nobelpreis für Literatur wurde Grass zudem eine ganz andere Auszeichnung zuteil. Beim Wettbewerb um den schönsten erste Satz eines deutschsprachigen Romans siegte er 2007 bei einer Umfrage mit dem Anfang von »Der Butt«:

Ilsebill salzte nach.

Video-Nachruf von Ulrich Wickert

Einen sehr schönen Nachruf auf Günter Grass hält Ulrich Wickert für den Spiegel:

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Fabian Neidhardt schrieb am 13. April 2015 um 15:00 Uhr

    Ich habe ihn 2013 noch lesen sehen auf der Buchmesse und war erstaunt, wie gut er das konnte.

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