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Beitrag vom 13. April 2016 | Rubrik: Schreiben

David Gray wartet auf die Inspiration. Aber wie schaut sie aus?

StiftEs ist seltsam mit der Inspiration. Wie genau muss man sich die vorstellen?

Man liest und hört, dass die Kreativen und Großen unter den Künstlern auf sie warten. Das ist, was die den lieben langen Tag so tun – warten, dass die Inspiration vorbeischaut und ihnen etwas dalässt. Im besten Fall eine Idee für den ganz großen, weltverändernden Wurf. Zuweilen auch nur die Idee, was man zum Abendessen kochen könnte.

Während die großen Kreativen da so warten und nichts tun, außer ab und zu auf ihre Uhr oder ihr Handy zu schauen, weil die Inspiration längst hätte vorbeikommen müssen, aber immer noch auf sich warten lässt, frage ich mich: Wie stellen sie sich ihre Inspiration denn genau vor?

Angenommen sie sitzen und warten zufällig von 9 bis 5 in einem Haus in Kathmandu: Sieht die Inspiration dann aus wie der Taxifahrer, der sie gestern aus dem Restaurant nach Hause gefahren hat? Oder wie die Putzfrau, die gegenüber im Haus arbeitet?

Kommt die Inspiration von Krimiautoren vorwiegend in Form von Gärtnern, weil – wie wir alle ja wissen – der Mörder immer der Gärtner ist?

Ist Inspiration weiblich, weil es ja die Inspiration heißt und nicht der Inspiration oder das Inspiration?

Irgendwie muss Inspiration einen bis heute überlebenden Rest der klassischen Musen der Antike darstellen. Das waren ausnahmslos Frauen, hübsch, aber zickig und unzuverlässig. In der Antike waren die Kreativen überwiegend Männer. Und wenn diese sich etwas Angenehmes, aber schwierig zu Beherrschendes wie Inspiration vorstellen sollten, konnte dies nur in Form von Alkohol oder Frauen daherkommen.

Musen mochten unzuverlässig gewesen sein und bitchig, aber wenn sie auftauchten, kamen sie mit Geschenken in Form von Ideen, aber sicher nicht wie die holde Gattin daher, die mit der Migräne-Turnout-Bombe drohte, jener wohl ältesten aller weiblichen Ausreden.

Der Biograf von Georges Simenon, dem Erfinder des berühmten Kommissars Maigret, behauptet, dass der gute Georges auch im 20. Jahrhundert seine Inspiration vor allem beim Sex fand. Daher soll Simenon während seiner Krimiautorenkarriere auch über eintausend Frauen vernascht haben, zweifellos völlig uneigennützig und einzig im Dienste des Guten, Schönen und Wahren.

Ich halte es nicht so mit dem Warten auf die Inspiration, sondern bevorzuge eine mehr aggressive Herangehensweise und fange meistens einfach an zu schreiben. Irgendwann kommen beim Schreiben die Ideen schon vorbeigeflogen. Zugegeben, manchmal kann das dauern und ist frustrierend. Weshalb ich insgeheim, so als Mann, davon überzeugt bin, dass die Inspiration in der deutschen Sprache zurecht weiblich ist.

Stift

Auch in einer anderen Beziehung ist das mit der künstlerischen Inspiration so eine Sache. Die könnte etwas mit Zauberei zu tun haben, jener, wie man sie aus »1000 und einer Nacht« kennt oder von Grimms Volksmärchen. US-Bestsellerautor Norman Mailer sagte noch kurz vor seinem Tod, dass jedes seiner Bücher ihn ein Stück mehr getötet hätte. Du tötest also jedes mal ein Stück von dir selbst ab, wenn du einen Roman verfasst? Das klingt nicht nach einem guten Deal.

Fragt euch mal, in welchem Beruf die Selbstmordrate höher ist – bei Autoren, Immobilienmaklern oder Landarbeitern?

Die Antwort?

Logisch – es müssen Autoren sein, die sich statistisch gesehen viel häufiger umbringen als Immobilienmakler oder Landarbeiter. Hemingway hat sich auch erschossen.

Dabei stimmt das nicht. Immobilienmakler ist ein Job, der dir – einer Erhebung in den USA zufolge – ein fast vier Mal höheres Selbstmordrisiko beschert als eine Karriere als Autor.

Das macht Mut.

Doch was ist mit der berühmt-berüchtigten Schreibblockade?

Das klingt beängstigend.

Schon gefühlte hundert Mal in Filmen etwas darüber gesehen und in Büchern drüber gelesen. Immer waren die Helden, wie man so sagt, echt angearscht. Von Zimmermännern hört man nie, dass die sich arbeitsunfähig schreiben lassen, weil sie eine Kreissägen- oder Holzfaserblockade entwickelt haben. Doch sind Schreibblockaden kein Gerücht. Die existieren und können dich als Autor von jetzt auf nachher erledigen. Schreibblockaden entstehen aus der Abwesenheit von Inspiration. Hat dich eine Schreibblockade erwischt, bist du als Autor zwar immer noch lebendig, aber für deine Leser in gewisser Weise tot. Sie verwandelt dich in eine Art Geist: Zwar bist du noch anwesend – und sei es nur in Form deiner früheren Werke – aber richtig existent bist du nicht mehr. Gruselig.

Trotz erträglichem Selbstmordrisiko ist das kreative Autorenleben kein Sahneschlecken.

Man darf auch den rechtlichen Aspekt von Inspiration nicht unter den Tisch fallen lassen. Geht man davon aus, dass Inspiration einfach so vorbeikommt, während man auf sie wartet, erscheint dann aber nur mies gelaunt und mit zweitklassigem Stoff, könntest du deine Inspiration dann auf Schadensersatz verklagen, falls die Kritiker dein Werk eher mit einem seit zwei Tagen in einer feuchten Biotonne vor sich hinverrottenden McDonald’s-Burger vergleichen statt mit einem Urlaubstag an südlichem Palmenstrand?

Schön wäre es. Aber das ist nicht drin. Bislang kannst du als Kreativer deine mies gelaunte Inspiration nicht für entgangene Gewinne haftbar machen. Falls allerdings irgendwer eine entsprechende Gesetzesinitiative oder Petition aufsetzen sollte – wo kann ich dafür unterschreiben?

Moment! Das ist alles schön und gut – oder doch nicht schön und gut, aber es ist eben so. Was ist mit dieser mysteriösen Inspirationsquelle von der man und frau hin und wieder im Zusammenhang mit Kreativität, Kunst und Autoren liest? Ist die deckungsgleich mit der Inspiration an sich?

Stift

Quellen kann man nur anzapfen, wenn man weiß, dass sie existieren. Was bedeutet, dass man sich auf die Suche zu machen hat, falls man nicht zufällig und unerwartet in eine von ihnen hineinstolpert. Doch sich auf die Suche zu machen, setzt voraus, dass du losgehst, dass du es tust – ganz gleich wie -, weil du nicht anders kannst, als dich auf die Suche zu machen.

Ein paar der Glücklichen unter uns Kreativen werden hin und wieder von der Inspiration gefunden. Oder – sogar von dem fertigen Produkt, für dessen Herstellung man auf die Inspiration angewiesen ist. Die US-Lyrikern Ruth Stone behauptete zum Beispiel, dass sie das Kommen von Gedichtes spüren könne. Hin und wieder, meinte sie, könne sie sie sogar kommen hören. Alles, was sie brauchte, war etwas Glück, einen Stift und ein Stück Papier, um sie aufzuschreiben, während sie hoffte, dass sie sich lange genug bei ihr aufhielten, um neben dem Anfang und der Mitte auch das Ende eines Gedichts zu erfahren.

Eine Menge Leute finden, dass die Frau Hilfe brauche.

Ich nicht. Wahrscheinlich auch kein anderer Kollege. Uns allen ist klar, es gibt keine Regeln in Bezug auf Inspiration.

Es gibt höchstens ein paar persönliche Tricks, mit denen man sie hervorlocken kann.

Inspiration kennt weder Regeln noch Gesetze. Was nicht heißt, dass sie nicht für Bestechung offen wäre. Die besteht aus Sitzfleisch und harter Arbeit.

Nichts weiter. Nur das.

Keiner von uns Autoren wurde gezwungen, das zu tun, was wir tun. Wir alle sind freiwillig dabei.

Wir können keinen anderen für die Qualität unserer Arbeit verantwortlich machen als uns selbst.

Doch vielleicht können wir hoffen, dass ein paar von euch, die diesen Text lesen, Gefallen an dieser harten Arbeit finden. Und sie deswegen auch respektieren.

David Gray

Über den Autor dieses Artikels

David Gray (Foto: (c) 2013 Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray (Foto: Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray ist das Pseudonym eines deutschen Journalisten und Filmkritikers.

Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf.

Er hat einen historischen Roman, einen Polizeithriller und eine Shortstorysammlung auf amazon.de veröffentlicht.

Autorenseite von David Gray bei amazon.de

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