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Beitrag vom 14. August 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Buch mit Stelle: »Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit« von Dana Grigorcea

»Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit« von Dana Grigorcea

Dana Grigorcea hat in Klagenfurt den 3sat-Preis gewonnen. Für einige war sie sogar Favoritin für den Bachmannpreis. Gelesen hatte sie einen Ausschnitt aus ihrem Roman »Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit«. Wegen des Preisgewinns hat der Dörlemann Verlag den Erscheinungstermin vorgezogen.

Manchmal wirkt dann die Bachmannpreis-Teilnahme wie eine Marketingmaßnahme. Manchmal freut man sich aber auch auf die Langfassung. Manchmal wird man aber auch bitter enttäuscht.

Einen Monat später ist Dana Grigorceas Roman auf dem Markt. War das zu schnell? Vielleicht. Denn schon der erste Satz, der erste Absatz ist misslungen. Mit ungeschickt zusammengebauten Satzeinschüben bemüht sich dieser Romanbeginn, poetisch zu sein. Liest man ihn ohne Spannungsbogen und mit ausreichenden Pausen an den Kommastellen, wirkt er wie aus einem Lektorenarbeitsbuch: Bringen Sie den folgenden Satz in eine lesbare und sprachlich elegante Form. Dieser Beginn wirkt wie aufgepfropft, so als wäre er ursprünglich an einer anderen Stelle im Buch gestanden, aber da der Einstieg etwas blumiger werden sollte, hat man ihn im Lektorat an den Anfang gesetzt. Der zweite Absatz leitet dann zum eigentlichen Beginn über.

3sat-Preis an Dana Grigorcea

Dana Grigorcea

Jetzt erzählt die Bankangestellte Victoria. Sie spricht im Präsenz. Doch sie berichtet etwas, das bereits in der Vergangenheit liegt, sodass die gewählte Zeitform nicht elegant wirkt. Wir sind im Bukarest der Nachwendezeit. Victoria, so erfahren wir, hat einen Banküberfall miterlebt, der für einen Beteiligten tödlich endete. Erst seit kurzem arbeitet sie als Angestellte in dieser Bank. Bevor Victoria in ihre rumänische Heimat zurückgekehrt ist, hat sie bei einem Geldinstitut in Zürich gearbeitet. Sie wird vom Dienst beurlaubt und hat nun Zeit, im Business-Kleid und mit Stöckelschuhen durch die Orte der Kindheit und Jugend zu schlendern. Offenbar ist sie wirklich erst seit Kurzem wieder in der rumänischen Hauptstadt und hatte dazu noch nicht die Zeit gefunden. Ihre Eltern trifft sie nicht, denn die wohnen nicht mehr in Rumänien. Doch Victoria begegnet ehemaligen Nachbarn, Kindheits- und Jugendfreunden und anderen Menschen von damals und heute.

Die folgenden gut 200 Seiten sind ein Sammelsurium an Erinnerungen und Geschichten sowie eine Beschreibung von Abfolgen in der Gegenwart. An einiges erinnert sich Victoria selbst, anderes stellt sie sich vor und wieder anderes bekommt sie erzählt – alles bunt durcheinander.

Als Leserin oder Leser von Dana Grigorceas Roman kommt man sich vor, als begleite man den Ehepartner zu einem seiner Klassentreffen. Man hört viele Geschichten von fremden Leuten, schlechte Witze und Unmengen belanglosen Small-Talk. Man bemüht sich am Anfang, an die Sache positiv heranzugehen, aber im Grunde genommen ist man die ganze Zeit gezwungen, sich uninteressante Anekdoten von Leuten anzuhören, an denen man nicht wirklich interessiert ist. Alles ist so unglaublich belanglos. Das Buch ist voll von Sätzen und Dialogen aus dem Baukasten der Partyplaudereien.

Hinzu kommt eine ebenso belanglose Sprache, die einem auch nicht hilft, den Text interessant zu finden. Da stehen tatsächlich solche Sätze wie »Meine distributive Aufmerksamkeit, die im Arbeitsalltag so geschätzt wird, irritiert wohl die älteren Leute …« Ach ja, die gute alte distributive Aufmerksamkeit! Oder Wörter wie »Remailleuse«, bei denen man selbst nach etwas Googeln nur vermuten kann, was für ein Beruf damit im Textzusammenhang gemeint ist.

Die Figuren bei Grigorcea bleiben daher ebenfalls nur Pappkameraden und Erzählförmchen.

Dann endlich auf Seite 203 kommt die Passage, die die Autorin in Klagenfurt gelesen hat. Und plötzlich wird einem bewusst, warum die Teststelle so gut ist, warum man mit Interesse zugehört hat: weil darin Michael Jackson vorkommt. Den kennt man wenigstens. Zwischen all dem Erzählten wirkt dieses Kapitel wie ein Promi-Gastauftritt in einer Vorabendserie mit ansonsten drittklassigen Schauspielern.

Denn diese Textstelle, in der der King of Pop wie ein Erzengel zur rumänischen Nachwendejugend hinuntersteigt, die ihn glückselig vergöttert und der er »Hello, Budapest! I love you!« zuruft – diese Textstelle ist und bleibt großartig und preiswürdig.

Wolfgang Tischer

Dana Grigorcea: Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit. Taschenbuch. 2017. Ullstein Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548289038. EUR 11,00 » Bestellen bei Amazon.de
Dana Grigorcea: Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit. Gebundene Ausgabe. 2015. Dörlemann. ISBN/EAN: 9783038200215. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de
Dana Grigorcea: Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit. Kindle Edition. 2015. Dörlemann eBook » Herunterladen bei Amazon.de
Dana Grigorcea: Baba Rada: Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare. Kindle Edition. 2015. Dörlemann eBook » Herunterladen bei Amazon.de

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Gregor Keuschnig schrieb am 14. August 2015 um 10:33 Uhr

    Sehr interessante Besprechung. Auch ich empfand den ersten Satz als Zumutung und misslungen. Auch die anderen Einwände teile ich. Dieses oft zwanghafte Poetisieren ist zuweilen fast peinlich. Dabei bleibt es nicht aus, dass jedoch auch sehr schöne Bilder gelingen. Das Buch ist ein Beispiel dafür, dass eine gelungene Passage, ein eingängiges Kapitel sehr wohl fesseln kann (wie in Klagenfurt), dass damit aber noch nichts über das zu erwartende Buch gesagt ist.

  2. Johanna Sibera schrieb am 19. August 2015 um 14:27 Uhr

    Der Charme einer vorlesenden Autorin kann sicher über einige Schwächen des Textes hinweghelfen – diesen Eindruck hatte ich bei Dana Grigorceas Auftritt. Und dann frage ich mich immer wieder bei diesen sicher hochbegabten ausländischen Autorinnen, wer an ihrem so perfekt erscheinenden Deutsch mitgearbeitet hat – eine Schreibschule? Ein hilfreicher Lektor? Ich schreibe seit vielen Jahren in meiner Muttersprache “Deutsch” – und immer wieder stoße ich an meine Grenzen, was die unendliche Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, den Wortreichtum und die raffinierten Fallen der Syntax betrifft.

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