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Das Mörderspiel ums Urheberrecht

Quelle: Das Syndikat / Armin Zedler

Quelle: Das Syndikat / Armin Zedler

Von David Gray – Reden wir über Mord. Und tun wir es mit einem der ganz besonderen Säulenheiligen der Literatur, von dem der bemerkenswerte Satz überliefert ist: »Wir haben lange genug aus Not gemordet, tun wir es jetzt mit Überzeugung und Geschmack.«

Weshalb wir hier über Mord reden sollten und dann auch noch im Sinne des berüchtigten Marquis de Sade [1], denn von keinem anderen stammt der oben zitierte Satz?

Weil Mord derzeit in aller Munde ist. Außerdem Geschmack und Not.

Vermeintlicher Mord nämlich an uns Autoren und unserem Einkommen, vermeintlicher Mord auch an der Kultur und dem literarischen und künstlerischem Niveau ganz allgemein.

Reden wir über Mord mit Überzeugung und Geschmack

Gemeint ist die aktuell in den Medien und dem Internet stattfindende Urheberrechtsdebatte. Die sich in den letzten Tagen und Wochen durch zahlreiche Artikel, Petitionen und Aktionen zu einer Art von perpetuum mobile verwandelt hat. Die dabei erreichten Geschwindigkeiten sind erstaunlich, und es darf durchaus befürchtet werden, dass den sich dabei entwickelnden Fliehkräften mehr an kulturellem Porzellan zum Opfer fallen könnte als gesund sein kann.

Einen neuen Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung mit einer Plakataktion des »Syndikats«, der Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautoren. Ganz dem Genre verhaftet wurde bei den Plakatmotiven [2] weder an geschminkten Leichen noch Kunstblut gespart. So splattermäßig gerieten die Motive – ich wundere mich, dass bisher noch kein Jugendschützer auf den Plan trat, um deren Verbreitung an Orten zu unterbinden, die von Minderjährigen frequentiert werden.

Das Syndikat ließ sich also nicht lumpen. Und wie es sich für eine richtige Krimistory gehört, hat man nicht nur reichlich Kunstblut vergossen, sondern auch einen fiesen Killer ausgemacht und abgebildet, der fröhlich grinsend im Angesicht von Leichenhaufen seine Opferausbeute herzeigt. Bei den Leichen, die von dem plakatierten Killer abgeschlachtet worden waren, handelt es sich um deutsche Krimiautoren. Und was den Killer – neben seiner Opferausbeute – eindeutig als Übeltäter erkennbar macht ist die Maske, die er trägt. Es handelt sich dabei nicht um irgendeinen über den Kopf gestülptem Strumpf, sondern um eine Guy-Fawkes-Maske [3], dem Symbol der weltweit tätigen Internetaktivistengruppe »Anonymous [4]«.

Reden wir über Mord. Und tun wir es im Sinne des göttlichen Marquis »mit Überzeugung und Geschmack«.

An Überzeugung ist genug in die Plakatmotive geflossen. Was die Note für Geschmack angeht, hat das „Syndikat“ mit seinen Bildmotiven eine Fahrkarte geschossen.

Von Napoleons Außenminister Talleyrand, einem nicht minder berühmten Zeitgenossen des Marquis de Sade, ist im Zusammenhang mit einem gar nicht mal virtuellem, sondern sehr realen Mord das Bonmot überliefert »Das war mehr als ein Verbrechen, das war ein Fehler«.

Eine erstaunliche Naivität über die Formen der Auseinandersetzung

Es war nicht nur übertrieben und instinktlos von den Verantwortlichem im »Syndikat«, dem Killer auf ihren Plakaten eine Guy-Fawkes-Maske überzustülpen. Es war tatsächlich auch ein Fehler. Allerdings einer, der tief blicken lässt. Was da zu sehen ist? Eine erstaunliche Naivität und Unwissenheit über die Formen und Etiketten der Auseinandersetzung in Zeiten des von Social Media geprägten Internets.

Quelle: Das Syndikat / Armin Zedler

Quelle: Das Syndikat / Armin Zedler

Schon als vor Wochen die ersten Bilder zum Making-of der Plakataktion auf bestimmten Foren auftauchten und man auch noch ein Youtube-Video dazu postete [5], war mir klar, dass dies nicht gut gehen kann. Ja, Plakate sind ein im wortwörtlichen Sinne plakativer Imageträger. Aber für jeden mit nur ein wenig Interneterfahrung war abzusehen, dass es daraufhin zu einer Gegenreaktion von Seiten irgendwelcher Netzaktivisten kommen musste.

Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass man diese einfache Rechnung im »Syndikat« nicht aufgemacht haben soll, bevor man mit der Aktion an die Öffentlichkeit ging. Jeder Krimi braucht einen Übeltäter – doch gerade Krimiautoren hätten wissen sollen, dass es schwierig wird, sobald der sich in einem bloßen Pappkameraden erschöpft. Und der Plakat-Killer mit seiner Guy-Fawkes-Maske ist genau das.

Ich kann die Ängste der Kollegen, die für die Aktion buchstäblich ihr (Kunst-)Herzblut hergaben, in großen Teilen gut nachvollziehen. Ich bin selbst Krimiautor. Und ich bin wie sie für eine ausgewogene und faire Anpassung des Urheberrechts an die Erfordernisse des Internet. Aber man darf das Medium Internet und dessen Nutzer eben auch nicht vor lauter Unsicherheiten und Beklemmungen einfach so über einen Kamm scheren oder gar in Form eines Pappkameraden dämonisieren.

Wir alle sind Teil der Internet-Revolution. Ob es uns gefällt oder nicht. Diese Revolution verändert die Art, wie wir kommunizieren, und die Art, wie wir konsumieren. Sie wird Gewinner hervorbringen und Verlierer. Auch wenn die bislang noch nicht endgültig auszumachen sind, steht fest, zu den Verlierern zählen diejenigen, die sich nicht anzupassen vermögen. Aber wirklich einfach nur hilflos ausgeliefert ist dieser Revolution keiner. Denn das ist das Besondere an ihr: Sie belohnt langfristig Kreativität, Witz und Mut. Bestrafen wird sie allerdings all diejenigen, die sich ihrer Dynamik verweigern und sie sogar noch dämonisieren, wie es das »Syndikat« mit seinen instinktlosen Plakatmotiven tat.

Reden wir über Mord.

Nachdem die ersten Pressemitteilungen und Kommentare zur Plakataktion des »Syndikats« herausgingen, wurden innerhalb weniger Stunden die eMail-Adressen und Webseiten sowohl der daran beteiligten Autoren als auch die der Aktion des »Syndikats« durch so genanntes E-Mail-Bombing [6] attackiert. Man machte die betreffenden Kollegen und die Webseite der Aktion im Internet kommunikationsunfähig [7].

Das nenne ich »virtuellen Mord«.

Nicht nur ich verurteile das aufs Schärfste.

Dieses Vorgehen – falls es denn überhaupt von realen »Anonymous«-Aktivisten verübt oder auch nur abgesegnet wurde – unterbot selbst die Geschmacklosigkeit der »Syndikat«-Plakatmotive. Es beschädigte vor allem »Anonymous‘« erklärtes Ziel, sich für Meinungsfreiheit im Internet einzusetzen. Als »Anonymous« im Zusammenhang mit der Diskussion über die geplanten ACTA und SOPA [9] Gesetzesvorlagen zeitweilig die Webseiten des FBI und des U.S.-Innenministeriums lahm legte, wurde das in weiten Teilen der Netzgemeinde als opportun wahrgenommen. Aber beim FBI und dem U.S. Innenministerium handelte es sich um Institutionen.

Privatpersonen anzugreifen, die auf ihre ganz eigene Art ihre Meinungsfreiheit im Internet wahrgenommen haben, wird bei den Netzusern als deutlich weniger cool aufgefasst.

Bizarres Mörderspiel

Auch »Anonymous« hat einen Ruf. Aber auch der lässt sich am besten immer noch selbst ruinieren. In dieser Beziehung sind sich die beiden Kontrahenten in diesem bizarren »Mörderspiel« näher, als sie es sich eingestehen wollen.

Krieg macht keinen satt. Krieg im Internet schon gar nicht. Alles, was der anrichtet, ist nur noch mehr Porzellan zu zerschlagen. Hier hat die eine Seite erschreckende Naivität gezeigt. Die andere jedoch hat diese Naivität zum Anlass für einen pubertären pissing contest [10] genommen.

Wir alle sind Teil einer Revolution. Ob es uns gefällt oder nicht.

Revolutionen blühen im Chaos. Und Revolutionen fressen ihre Kinder, wie Pierre Vergniaud [11]das im revolutionären 18. Jahrhundert so eindrücklich formulierte. Aber irgendwann kommt im Verlauf jeder Revolution unweigerlich die Zeit des Ausgleichs, der Verhandlungen und der Kompromisse.

Wie viel kulturelles Porzellan muss zerschlagen werden?

Es liegt vor allem an uns, den Usern, den Aktivisten und den Urhebern, zu entscheiden, wie viel Staub noch aufgewirbelt und wie viel kulturelles Porzellan zerschlagen werden muss, bevor alle Seiten in diesem Streit sich endlich an einen Tisch setzen, um gemeinsam ausgewogene Antworten für die derzeit brennendsten Fragen im so genannten »Urheberrechtsstreit« zu entwickeln.

Das hätte als angemessene Schlusspointe taugen können. Aber die wahre Pointe dieses Mörderspiels besteht darin, dass es im »Urheberrechtsstreit« ja gar nicht mal um das Urheberrecht an sich geht, sondern sich die Chose auf die simple Frage herunterreduzieren lässt: Wie wollen wir in Zukunft die Verteilung von geistigem Eigentum im Medium des Internets geregelt sehen?

Ich weigere mich einfach zu akzeptieren, dass es unmöglich sein sollte, diese simple Frage für alle Beteiligten angemessen zu regeln. Beenden wir also die Phase der Provokationen, krempeln die Ärmel auf und machen uns an die Arbeit. Sie wird kompliziert und mühevoll genug. Die Zeit drängt.

David Gray

Über den Autor dieses Artikels

David Gray ist das Pseudonym eines deutschen Journalisten und Filmkritikers. Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf. Er hat einen historischen Roman, einen Polizeithriller und eine Shortstorysammlung auf amazon.de veröffentlicht.
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