Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 5. Juli 2006 | Rubrik: Notizen

Das literaturcafe.de schreibt offenen Brief an Staatsminister Neumann

Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de sieht durch die staatliche Förderung von 150.000 Euro für literaturportal.de ehrenamtliche und privatwirtschaftliche Initiativen bedroht. Es fehle dem Portal zudem jeder integrative Ansatz.

(06.07.2006) Stuttgart – In den letzten Tagen wurde viel über das neu eröffnete und vom Staatsminister für Medien und Kultur mit 150.000 Euro geförderte literaturportal.de diskutiert.

"Die Welt" und das "Hamburger Abendblatt" kritisierten insbesondere die inhaltliche Qualität des Portals. Joachim Leser vom Literaturportal bluetenleser.de sprach gar von "digitalem Mist unter Schirmherrschaft der Bundesregierung".

Auch der Herausgeber des literaturcafe.de im Internet, Wolfgang Tischer, übte in einem Artikel scharfe Kritik an dem staatlich geförderten Literaturportal.

Tischer bemängelt, dass mit hoher staatlicher Förderung Inhalte zusammengetragen wurden, die im Internet bereits seit langem vorhanden sind. Es bestehe die Gefahr, dass mit staatlichen Geldern ehrenamtliche oder privatwirtschaftliche Initiativen zerstört oder demotiviert werden. Was als Förderung von Literatur deklariert ist, drohe dieser eher zu schaden.

Um in diesem Zusammenhang Antworten auf einige Fragen zu erhalten und um zu erfahren, welche Konsequenzen aus der mangelhaften Projektarbeit gezogen werden, hat sich Wolfgang Tischer heute in einem offenen Brief direkt an Kulturstaatsminister Bernd Neumann gewandt.

"Sehr bewusst frage ich Sie hier nicht nach kulturfördernden Aspekten, da literaturportal.de in meinen Augen eine solche Maßnahme nicht darstellt. Hierzu fehlt dem Angebot zudem jeder integrative Ansatz, der nicht durch eine Linkliste zu lösen ist", so Tischer in seinem Schreiben.

Hier der vollständige Wortlaut des Briefs, der dem Staatsminister zudem am 5. Juli 2006 auf dem Postweg zugestellt wurde:

An den
Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien
Herrn Bernd Neumann
Bundeskanzleramt
Willy-Brandt-Straße 1

10557 Berlin

Offener Brief: Bitte um Stellungsnahme in Sachen literaturportal.de

Sehr geehrter Herr Neumann,

in den letzten Tagen wurde viel über das neu eröffnete und von Ihnen mit 150.000 Euro geförderte literaturportal.de diskutiert.

Als Herausgeber des renommierten literaturcafe.de im Internet, das vor 10 Jahren gegründet wurde und neben zahlreichen Ehrungen und Presseerwähnungen u. a. mit dem alternativen Medienpreis 2004 und dem Podcast-Award 2006 ausgezeichnet wurde, habe ich ebenfalls sehr kritisch zu diesem neuen Angebots Stellung bezogen.

In der Anlage zu diesem Schreiben, finden Sie den ausgedruckten Beitrag, der so auch online unter www.literaturcafe.de veröffentlicht ist. Ich bitte Sie, zu drei Aspekten und Fragen Stellung zu nehmen:

  1. Nach eigener Aussage der Projektverantwortlichen wurden zum Start des Portals nicht die Daten des elektronischen Katalogs des Deutschen Literaturarchivs Marbach (Kallìas) verwendet. Dies soll nun nach der Kritik der Medien nachträglich erfolgen.
    Stattdessen wurde für die Autorenporträts ein zweiter Datenbestand aufgebaut, der nach Recherche einiger Tageszeitungen zu Teilen von der Online-Enzyklopädie Wikipedia übernommen wurde. Dieser Datenbestand zeichnet sich zudem durch eine hohe Zahl von Fehlern aus, wie die Projektverantwortlichen eingeräumt haben.
    Für ein weiteres zentrales Angebot des Portals, dem Terminkalender, wurden ebenfalls lediglich bestehende Daten und technische Lösungen des Angebots "Kulturkurier" übernommen.
    Wie sind diese inhaltlichen Übernahmen und Mängel mit einer Fördersumme von 150.000 Euro vereinbar? Auf Basis entsprechender Honorarspiegel für Konzeptions-, Redaktions- und Programmierleistungen (siehe iBusiness, Bundesverband Digitale Wirtschaft) und auch unserer praktischen Erfahrung wäre die Umsetzung und der Betrieb eines inhaltlich identischen Portals für ein Drittel der Summe (und weitaus darunter) möglich und realistisch gewesen.
  2. Die inhaltlichen und technischen Mängel und Unzulänglichkeiten sind ein Beleg dafür, dass die Projektleitung und insbesondere der eingesetzte Beirat ihrer Überwachungs- und Kontrollfunktion nicht oder nur begrenzt nachgekommen sind. Welche Konsequenzen wird dies künftig für die Zusammensetzung des Beirats haben? Wie stellen Sie als Förderer sicher, dass künftig derartige Probleme nicht mehr auftreten?
  3. Unabhängig von der inhaltlichen Qualität des Angebots literaturportal.de sind dort keine relevanten Inhalte zu finden, die nicht schon von bestehenden ehrenamtlichen oder privatwirtschaftlichen Betreibern zum Teil seit Jahren im Internet angeboten werden. Das staatlich geförderte Portal wirkt daher auf diese Anbieter – zu denen auch wir uns zählen – demotivierend und führt zu einer finanziellen Schädigung privatwirtschaftlicher Angebote, da sich auf dem staatlich geförderten Portal ebenfalls Werbung befindet und auch die Einträge in der Termindatenbank für Verlage kostenpflichtig sind, sodass entsprechende Budgets nicht mehr allein der Privatwirtschaft zugute kommt.

Wie stehen Sie zu dieser Störung bestehender Initiativen durch das staatlich geförderte Portal? Wie ist die Förderung mit aktuellen wirtschaftlichen Zielen der Bundesregierung und subsidiarischen Prinzipien der Politik vereinbar? Sehr bewusst frage ich Sie hier nicht nach kulturfördernden Aspekten, da literaturportal.de in meinen Augen eine solche Maßnahme nicht darstellt. Hierzu fehlt dem Angebot zudem jeder integrative Ansatz, der nicht durch eine Linkliste zu lösen ist.

 

Ich würde mich freuen, von Ihnen noch vor der Sommerpause eine Antwort zu erhalten und bedanke mich hierfür schon jetzt. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich diese gerne auch im literaturcafe.de veröffentlichen, in dem bereits dieses Schreiben als offener Brief zu finden ist.

Mit freundlichen Grüßen aus Stuttgart

Wolfgang Tischer
Gründer und Herausgeber
literaturcafe.de

Anlage
"Bildungspolitischer Unfall literaturportal.de"
Ausdruck eines Online-Beitrags auf www.literaturcafe.de

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *