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Das Literarische Quartett: Toter Kanzler, tote Zeit, gute Sendung

Volker Weidermann: Das Gesicht zu Julia Wolf (Quelle: ZDF)

Volker Weidermann: Das Gesicht zu Julia Wolf (Quelle: ZDF)

Helmut Kohl ist tot. Der frühere Bundeskanzler starb am 16. Juni 2017 im Alter von 87 Jahren. Viel wurde seinerzeit über ihn gelästert, sein baldiger Rücktritt vorhergesagt. 16 Jahre war Kohl im Amt. Er gilt als Kanzler der Einheit und überzeugter Europäer. Selbst sein Nachfolger Schröder hatte einen Nachruf in der Schublade, der rasch nach Kohls Tod auf SPIEGEL online zu lesen war.

Sondersendungen durchkreuzten an diesem Freitag die Pläne der TV-Sender. Das Literarische Quartett wanderte von 22:55 Uhr auf einen Sendeplatz um 0:15 Uhr. Selbst heute+, die Kindernachrichten für Erwachsene, wurden vor die Literatur gezogen.

Was schon immer auf der Hand lag, wurde daher mehr als offensichtlich: Eigentlich ist es vollkommen egal, wann eine Literatursendung ausgestrahlt wird. Man hätte sie auch morgens um halb 4 gesendet. Die 45 Minuten sind nicht mehr als ein abgehakter Kulturauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders: Zuschauerzahlen und Quote sind egal, doch gäbe es die Sendung nicht, wäre da ein Kulturdefizit im Sendeplan.

Und selbst in der Mediathek des ZDF war die Literatursendung am Samstagmorgen um 9 Uhr noch nicht zu finden. Erst später – heute+ vom Vorabend war schon seit Stunden online – war die Aufzeichnung des Literarischen Quartetts abrufbar.

Vielleicht die beste Sendung seit der Neuauflage

Dabei war es eine sehr gute Sendung. Vielleicht die beste Sendung seit der Neuauflage überhaupt, was maßgeblich am Gast lag: Es war der Schauspieler Ulrich Matthes, der darüber hinaus auch ein ausgezeichneter Hörbuchsprecher ist.

Matthes zeigte der Runde und den Zuschauern, wie man über Bücher spricht. Er redete über Handlung, Figurenzeichnung, Sprache und Stimmung. Er begründete seine Meinung, wirkte uneitel und hatte Humor. Okay, Matthes ist ein guter Schauspieler, doch im Quartett wirkte er ehrlich und unaffektiert. Wenn er ein Buch lobte, war er davon überzeugt, wenn er ein Buch nicht mochte, konnte er ebenso glaubhaft und nachvollziehbar vermitteln, warum das so ist, und das alles in ganzen Sätzen und eloquent.

Nahezu mustergültig gelang die Vorstellung und Besprechung des ersten Buches »Denen man vergibt« von Lawrence Osborne. Zuschauerinnen und Zuschauer wurden neugierig gemacht, ohne dass die Handlung des Buches schlecht nacherzählt wurde, wie oftmals in den vergangenen Sendungen. Ohne die Handlung offenzulegen, wurde anschließend über die Qualität des Buches gesprochen, und das ebenfalls so, dass man neugierig darauf wurde. Leider störte dann just Matthes dieses Gesamtbild, indem er dann doch noch auf Handlungsdetails einging und Thea Dorn darauf einstieg. Dass dies beide mit der Vorbemerkung taten, nicht spoilern zu wollen, machte es nicht besser.

Nichts vom Streit zu merken – das war schön.

Gegen das Buch von Julia Wolf [1] lässt sich einiges vorbringen, insbesondere was seine Sprache betrifft. Doch allen, bis auf Volker Weidermann, gefiel Wolfs Stil. Gerne hätte man sich gewünscht, Weidermann könnte seine Einwände genauso gut wie Matthes vorbringen, begründen und in der Runde durchsetzen, jedoch gelang Weidermann eine schöne Grimasse, und er bemerkte, dass solche Bücher der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur haufenweise geschrieben werden und er nicht wisse, warum, und dass das Buch voller Phrasen sei. Weidermann entschuldigte sich dafür, dass er das Buch nicht gut findet. »Da sitzen w’r«, fügte Dorn versöhnlich an. Nichts vom Streit über Bücher war zu merken – und genau das war schön.

Ulrich Matthes gab den eloquenten Literaturkritiker, Weidermann oftmals den beleidigt Trotzigen [3], Thea Dorn die Burschikose, die gerne saloppe Begriffe untermengt und … ja … da sitzt auch immer noch Frau Westermann [4], die Bücher festhält, als wolle sie sie auspressen, und man mag es an dieser Stelle eigentlich gar nicht schreiben, weil es genauso originell ist, wie Donald Trump als Trottel zu bezeichnen, aber sie sitzt nun einmal in dieser Runde wie die Leserin durchschnittlicher Unterhaltungsliteratur und scheint pausenlos irritiert und überfordert und will – wenngleich auf andere Art und Weise als Weidermann – ihre gegensätzliche Meinung nicht immer so recht kundtun, da sie offenbar selbst der Ansicht ist, intellektuell nicht mithalten zu können. Das mag zwar Unsinn sein, doch dadurch schleicht sich beim Zusehen bereits Scham ein. Warum Westermann eine wieder aufgelegte Kurzgeschichtensammlung von Oskar Maria Graf vorstellte, blieb unklar. Keiner in der Runde mochte die Geschichten so wirklich, sodass auch der 50. Todestag nicht als wirklicher Grund erscheint. Dass ausgerechnet Westermann wiederum mit den Kurzgeschichten von Maeve Brennan nichts anfangen kann, das spricht eindeutig für sie – also für die Geschichten, nicht für Westermann. Es beschleicht einen der Eindruck, dass die anderen der Runde vornehm schweigen, wenn Frau Westermann spricht. Den Eindruck, dass die anderen sie wirklich ernst nehmen, hat man hingegen nicht.

Dennoch war es eine sehenswerte Sendung, weil über Bücher gesprochen wurde, weil argumentiert wurde, weil nicht schlecht nacherzählt wurde, weil einfach nicht oberflächlich gestritten wurde.

Mitten in der Nacht haben diese Quartett-Ausgabe sicherlich die wenigsten gesehen, doch noch kann man dies in der Mediathek nachholen, und es wäre schön, wenn das Literarische Quartett das nächste Mal vielleicht schon am Abend dort abrufbar wäre, damit es nicht zu einer toten Zeit gesendet wird, wenn wieder jemand stirbt.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 16.06.2017 besprochenen Bücher: