| Doron Rabinovici:
Papirnik
Die zehn Erzählungen,
die der junge österreichische Autor Doron Rabinovici in seiner
ersten Eigenveröffentlichung Papirnik im Suhrkamp
Verlag vorlegt, und die im Untertitel mit dem lapidar klingenden
Wort Storys daherkommen, gehören sicherlich zu den
herausragenden Publikationen jener Autorengeneration, die man
- oftmals zu Unrecht - mit Begriffen wie postmodern oder
Dekonstruktion etikettiert hat.
In seinen Erzählungen spielt
er bewusst mit den Perspektiven, destruiert sowohl inhaltlich
als auch formal die leicht zu erweckenden Erwartungen der Leser,
um sie, dem Diktum der neueren, überwiegend französischen
Philosophen wie Derrida oder Foucault folgend, mit neuen Geschichten
zu überschreiben.
Das, was auf diese Weise in den
meisten Erzählungen erhalten bleibt, ist die Paradoxie, die
Absurdität der Schilderungen, sowie die brüchige Welt
der Protagonisten. Bereits die erste Erzählung Papirnik
und die, mit dieser einen Rahmen bildende, letzte Lola
veranschaulichen exemplarisch, wie diese Generation sowohl Literatur,
als auch Wirklichkeit versteht. Es ist die Liebesgeschichte zwischen
der Autorin Lola Varga zu Papirnik - einer Figur, über die
der Leser erst im laufe der folgenden Seiten erfährt, dass
es sich bei ihr eigentlich um ein Buch handelt. Papirnik nun zerstört
sich selbst in jenem Moment, in dem Lola behauptet, sie würde
ihn verstehen, und geht ähnlich der Bibliothek von Alexandria
in Flammen auf. Hierauf nun beschließt Lola dieses Buch
neu zu schreiben, es aus ihrem Verständnis heraus erneut
zu erschaffen, und zwar so, dass sie sich selbst mit in die Geschichten
einwebt. Besser könnte man den Begriff der Dekonstruktion
in der Literatur nicht fassen und wenn Rabinovici über Lola
schreibt, dass sie an einem Puzzlespiel der Erinnerung arbeitet,
so gilt dies wohl auch für sein eigenes Buch.
Doron Rabinovici: Papirnik. Broschiert. 2009. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518118894. EUR 9,00 (Bestellen bei Amazon.de)
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Der Goldttrinker
Max Goldt: Die Radiotrinkerin
Max Goldt gehört zweifellos
neben Eckhard Henscheid, Wigalf Droste oder Robert Gernhardt zu den letzten
literarisch ernst zu nehmenden Satirikern dieses Landes, und dass alle
oben Angeführten vielleicht zufälligerweise ihre Wurzeln im
Satiremagazin Titanic haben, muss nicht unbedingt etwas über
die Qualität dieses Blattes aussagen. Möglicherweise ist dieses
eher Ausdruck des Stellenwertes oder des Niveaus dieses einstmals so blühenden
Genres.
Die Versuchung ist groß, in Allgemeinplätze
zu verfallen, doch es muss nicht erst den Lehrmeister Kurt Tucholsky beschworen
werden, um ein Urteil über Goldts 1991 erschienenem Sammelband »Die
Radiotrinkerin« fällen zu können. Wenn dieses hier nun
doch geschieht, dann nur, um anzumerken, dass es in dem berühmten
Tucholsky-Aufsatz »Was darf die Satire?« einen Gedanken gibt,
welcher nicht vollends zu Ende geführt worden ist. Wenn es dort heißt,
dass, kaum dass jemand in Deutschland eine gute Satire geschrieben hat,
die halbe Nation auf dem Sofa sitzt und übel nimmt, so scheint Tucholsky
die für die von Trash und Badtaste geprägten 90er-Jahre gültige
Umkehrung nicht in Betracht gezogen zu haben. Diese müsste lauten:
Kaum dass einer in Deutschland eine schlechte Satire schreibt, sitzt die
halbe Nation auf dem Sofa und feiert den Satiriker als Kultautor.
Dieses Phänomen jedenfalls dürfte
bei Max Goldt Anwendung finden, denn, das sei an dieser Stelle bereits
erwähnt, »Die Radiotrinkerin« ist an den meisten Stellen
nichts als eine Anthologie der Oberflächlichkeiten. Und da, wo Goldt
sich vorgenommen zu haben scheint, die Phrasenhaftigkeit und Inhaltsleere
der Kommunikation aufzuzeigen, gelingt es ihm selbst nicht, über
die angeprangerten Phänomen hinauszukommen. Zwar hat er in einigen
Stücken, wie etwa in der dem Buch den Namen gebenden Erzählung
»Gespräch mit der Radiotrinkerin« aus dem Jahre 1987
interessante Ideen zum Ausgangspunkt gewählt, doch schafft er es
in den wenigsten der dreiundvierzig Prosatexte und Gedichte, diese zum
Leben zu erwecken.
Und dennoch hat es Goldt spätestens
mit diesen »ausgesuchten schönen Texten«, wie es im Untertitel
heißt, geschafft, sich aus der einengenden Subkultur der Grenzgänger
herauszuschreiben, um sich einen gewissen Kultstatus zu erarbeiten, und
dass selbst konservative Zeitungen wie die F.A.Z. den 156 Seiten eine
positive Rezension zukommen lassen, mag auf den ersten Blick verwundern,
wäre da nicht Tucholsky, der bereits 1919 der deutschen Satire attestierte,
dass sie sich nicht einmal dem Landesfeind gegenüber herausgetraut
hat. Gut achtzig Jahre später scheint sie vollends verstockt und
kommt selten noch über die bloße Darstellung der kritikwürdigen
Phänomene hinaus.
Nun mag man möglicherweise mit Recht
einwenden, solcherlei Schreibe habe im postmodernen Kontext durchaus ihre
Legitimation. Eines aber scheint sicher: blutreinigend oder kathatisch
wirkt diese Satire nicht mehr, und dort, wo Goldt einmal wirklich beißen
will, wird er lediglich ausfällig oder vulgär (z.B. in »Blödmann«
oder »Was für ein Elternhaus?«).
Unterm Strich bleibt, mit Ausnahme der Goldt-Klassiker
»Monolog des morganatischen Maurers« oder »Die symbolische
Nachbarin« von diesem Buch nichts, als die Sorge um die deutsche
Satire, oder anders gesagt: »Die Radiotrinkerin« schafft es
durch die stilistische und inhaltliche Einfältigkeit tatsächlich,
dass man über die Gehaltlosigkeit der Schreib- und Kommunikationskultur
nachzudenken beginnt. Sie ist somit ein Schuss durch die Brust ins Auge.
Max Goldt: Die Radiotrinkerin: Ausgesuchte schöne Texte. Taschenbuch. 2005. Rowohlt Tb. ISBN/EAN: 9783499236853. EUR 7,95 (Bestellen bei Amazon.de) Max Goldt: Die Radiotrinkerin. CD. Und die legendäre letzte Zigarette. Broschiert. 1994. Contraer Musik. ISBN/EAN: 9783932219184. EUR 18,50 (Bestellen bei Amazon.de)
Ralf Hanselle |