Buchmesseimpressionen 2017 von Barbara Fellgiebel: »So lange Bücher kritisiert werden, werden sie gelesen«

Der französische Pavillon bestand überwiegend aus an ein schwedisches Möbelhaus erinnernde Holzregale – die man auch so nutzen konnte (Foto: Jana Gross)

Wie immer nach der Frankfurter Buchmesse gibt es Barbara Fellgiebels Messeimpressionen – respektlos, subjektiv, frech, erfrischend und noch so einiges. Von Barbara Fellgiebel.

Meine Buchmesse fängt wie immer mit dem Verleih des #dbp17, dem Deutschen Buchpreis an. Seit 13 Jahren. Dachte ich, ehe ich nach Frankfurt flog.

Doch diesmal begann sie mit einem denkwürdigen Reinhard-Mey-Konzert in der Jahrhunderthalle.

Dieser inzwischen 75-jährige Spielmann entwickelt sich immer mehr zum deutschen Leonard Cohen: Nur mit einer höchst tragfähigen Stimme und einer akustischen Gitarre bewaffnet, hält er drei Stunden lang sein rund 1.000-köpfiges Viel-Generationen-Publikum in Bann, lässt hier eine unterschwellige Zeitkritik los und da eine erprobte Erziehungsweisheit. So wünscht er z. B allen Kindern Eltern, die ihnen nicht im Weg stehen.

Montag, 9. Oktober 2017

Am Montag ist es dann soweit: Zum 13. Mal wird der deutsche Buchpreis verliehen und erstmalig moderiert von Cecile Schortmann. Charmant professionell freut sich die aus der Kulturzeit bekannte TV-Moderatorin, dass in diesem Jahr ihre Stimme nicht wie im Vorjahr versagt hat.

Die Kandidaten der Shortlist (4 Männer, 2 Frauen, 4 Verlage, denn Suhrkamp stellt drei der Autoren) sehen blass und angespannt aus. Die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, Ina Hartwig, eine der besten Literaturkritikerinnen Deutschlands, begrüßt und nimmt die Gelegenheit wahr, für einen Literaturkritikerpreis zu plädieren: »Solange Bücher kritisiert werden, werden sie gelesen!«

Die Juryvorsitzende Katja Gasser wird gefragt, warum gleich drei Suhrkamp-Autoren in die engste Wahl kamen. Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: »Suhrkamp zahlt halt am besten!« Der Saal lacht schallend.

Der hochfavorisierte Robert Menasse gewinnt für seinen EU-Roman Die Hauptstadt den mit 25.000 Euro dotierten Preis. Er bricht in Tränen aus und rührt damit das Publikum. Auch dass er – im Gegensatz zum Vorjahressieger Bodo Kirchhoff – keine vorbereitete Dankesrede aus der Tasche zieht, rechnet man ihm hoch an. Hm. Wieder ein Mann, denkt die Feministin. Die anderen fünf Autoren der Shortlist lächeln tapfer. Sie erhalten immerhin je 2.500 Euro. Man könnte diese Trostpreise eigentlich mit einer Reise nach Stockholm und einem Besuch bei der Schwedischen Akademie aufwerten, die den Literaturnobelpreis verleiht. Mal sehen, ob mein Vorschlag Gehör findet.

Frankfurt spart: Das opulente Büfett des Vorjahres wird von Mini-Amuse-Geules ersetzt.

Um 20 Uhr lohnt es sich, auf dem Römerberg vor dem Rathaus zu stehen und der Einweihung der von der Partnerstadt Lyon gestifteten Lichtinstallation beizuwohnen.

Lyons Gastgeschenk zur Buchmesse: die Zuckerbäckerillumination des Frankfurter Römers (Foto: Fellgiebel)

Dienstag, 10. Oktober 2017

Um 11 Uhr findet die Eröffnungspressekonferenz statt. Buchmessedirektor Jürgen Boos fordert mehr Leidenschaft, mehr Engagement. Er zitiert Marie Curie: Man muss die Dinge nicht fürchten, man muss sie nur verstehen! Boos spricht von Kreativprojekten, neuen Leseevents, Lesekonzerten und meint, dem drohenden Ruck nach rechts können wir nur mit besseren Narrativen, besseren Geschichten und besseren Argumenten begegnen. Nicht mit Teilnahmeverboten rechtsgerichteter Verlage.

Der diesjährige Gastredner Markus Dohle, CEO der Verlagsgruppe Random House, die nunmehr aus über 250 Verlagen auf 5 Kontinenten besteht, ist ein typischer Vertreter seiner Gattung: selbstsicher, gelackt, enthusiastisch, nicht unbedingt enthusiasmierend. Er weist auf die »Emerging Markets« Indien und Brasilien hin, in denen Millionen lesehungriger Menschen leben. Weltweit ist der Sektor Kinder- und Jugendbuch die am schnellsten wachsende Kategorie. Welch Trost, welch Freude, sollte es bringen.

Bei Amazon sind derzeit 50 Millionen Buchtitel verfügbar, was Herrn Dohle zu dem Ausspruch bewegt: Don’t give me more, give me less, but give me better.

Schließlich beendet er seine Rede mit einem Zitat von Margaret Atwood, die am Sonntag mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird: War happens, when language fails.

Ich google die von ihm genannte Plattform lit.com und lande automatisch und ungewollt auf der ab 18 zugänglichen Website literotica.com. Ob Dohle sich dessen bewusst ist? Oder hat er was verwechselt?

Um 17 Uhr beginnt die offizielle Eröffnung der 69. Frankfurter Buchmesse in Gegenwart von Angela Merkel und Emmanuel Macron, denn das diesjährige Gastland heißt Frankreich. Die Sicherheitsvorkehrungen sind rigoros und effizient. Macron hält eine flammende Rede: Er beeindruckt mit der Information, dass seit September eine halbe Million französischer Kinder zweisprachige (deutsch-französische) Schulen besuchen, bricht eine Lanze für die Bedeutung der Kultur, der Sprache, der Übersetzer, plant, das Erasmusprogramm bedeutend auszubauen und ist kaum noch zu stoppen.

Weniger wäre mehr gewesen, aber er beeindruckt alle – außer Alain Jadot, Didier Fassin und den Soziologieprofessor Didier Eribon, der wenige Stunden später bei der Eröffnung von Open books über Macron wettert. Auch Merkels Rede ist gut. Geschickt geht sie auf ihre Vorredner ein. Eine Eigenschaft, die allzu viele männliche Redner leider nicht beherrschen.

Um 20 Uhr ist die Eröffnung von Open books, dem umfangreichen Lese-Event-Programm außerhalb der Messe, das in Leipzig, Leipzig liest heißt. Erstmalig findet die Eröffnung nicht im Frankfurter Schauspielhaus statt, sondern im doppelt so großen Saal der Frankfurter Nationalbibliothek. Ina Hartwig hält auch hier die Begrüßungsrede und ist noch ganz beseelt von Macrons Rede und Persönlichkeit. Vier Autoren werden vorgestellt, eine Frau, drei Männer. Die Geschlechterparität spielt in Deutschland offenbar noch keine Rolle.

Eva Demski beginnt, zeichnet sich durch gekonnt abgespeckte Sätze aus. Spricht druckreif, macht Lust auf ihr Buch (siehe Ende des Artikels). Buchpreis-Gewinner Robert Menasse erzählt von seiner dreijährigen Recherche im »vatikanischen Archiv« (wie er das Archiv der Europäischen Kommission nennt). Er hält sich für einen Meister des Tragikomischen und ist stolz auf die kokette Selbstironisierung der in Brüssel arbeitenden Eurokraten. Er bittet zu beachten, dass die EU ein von Menschen gemachtes Projekt ist, kein Abstraktum.

Didier Eribon, renommierter Soziologieprofessor in Frankreich, hat nach Rückkehr nach Reims das Buch Gesellschaft als Unheil geschrieben. Er spricht über die Prekarisierung und hat viel zuviel zu sagen; seine doktrinäre Art ermüdet. Moderator René Aguigah verrät seine Meinung mit keiner Silbe, aber seine Körpersprache und die diagonale Anordnung seiner Augenbrauen deuten auf nicht gerade hundertprozentige Begeisterung.

Endlich ist Büchner-Preisträger Jürgen Becker an der Reihe. Der 85-jährige Grandseigneur der deutschen Gegenwartslyrik schreibt Journalgedichte, d. h. kurze Gedichte in einer langen Chronik der Augenblicke. Er wirkt humorfrei, eher depressiv, was jedoch seinem Vorredner zuzuschreiben ist; langsam erholt er sich, spricht von einem visuellen Sound, den er verfolge.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Maria Furtwängler posiert vor dem Lesezelt (Foto: Fellgiebel)

Der erste »richtige« Tag der Buchmesse ist immer der schönste! Die Messegänge sind noch leer, das Standpersonal freundlich und erwartungsvoll. Mein erster Termin findet statt im Lesezelt auf der Agora, dem großen Platz zwischen Halle 1,3,4 und 5, und heißt Femme fatal. Abgesehen von der fatalen Technik, die die Mikrophone zweimal ausfallen und einen Scheinwerfer zusammenbrechen lässt, reißt die strahlend schöne Maria Furtwängler alles raus und verschafft sich dank geschulter Schauspielstimme auch ohne Mikro Gehör. Sie diskutiert unter Leitung von Bascha Mika (Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau) mit zwei weiteren Damen und einem Herrn über die Rolle der Frau in Deutschland bzw. Frankreich. Weltweib oder Mutter? Abgesehen davon, dass sie zu Recht feststellt, dass es im deutschen Kinofilm keine alten deutschen Schauspielerinnen à la Judy Dench, Maggie Smith und Helen Mirren gebe, versandet die Diskussion in unergiebigen Allgemeinplätzen und oberflächlisten Verallgemeinerungen.

Weiter zum Weltempfang, wo ich unfreiwillig Zeugin der ersten von einigen Wortergreifungsstrategien werde. Danijel Majic, Experte für Rechtsextremismus bei der Frankfurter Rundschau, erklärt dem entsetzten Publikum, was es damit auf sich hat: Wie aus dem Nichts tauchen junge begeisterte Rechtsradikale auf, unterbrechen die Veranstaltung lautstark und fragen, warum kein Repräsentant von ihnen eingeladen sei? Einer agitiert, die anderen – ein ungefähr 16-jähriges, blondzopfiges Mädchen und ein etwa 12-jähriger blonder Junge – teilen Flugblätter aus und verursachen ein beklemmendes Déjà-vu: Wie im Film Cabaret Hitlerjugend die Waldcafé-Idylle störte …

Die erste der unliebsamen Rechtsstörungen (Foto: Fellgiebel)

Die erste der unliebsamen Rechtsstörungen (Foto: Fellgiebel)

 

Majic appelliert ans Publikum, nicht die Mediengeilheit dieser Gruppen zu bedienen. Ich staune über die schockartige Langwirkung, die dieser kleine Auftritt nicht nur bei mir hat.

Der unermüdliche Nils Oskamp, (Autor von Graphic-Novels gegen rechts), den wir schon vom letzten Jahr her kennen, ist seitdem dreimal lebensgefährlich von rechten Gruppen attackiert worden. In Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels lädt er zu „Links gegen Rechts“– Informationsführungen durch Halle 3 und 4. Teilnahme und Interesse sind groß, Entsetzen und Beklemmung steigen.

Meine Kollegin hört sich Marion Poschmann an, die es fertig bringt, ernsthaft und spitzbübisch, altbacken und jungmädchenhaft zugleich zu sein. Ihrem Werk haftet Uneindeutigkeit an. Aktuell ist sie auf der Buchpreis-Shortlist mit Die Kieferninseln (Suhrkamp), und als der Moderator sie frech nennt, strahlt sie.

Didier Fassin, gescheit und unprätentiös, hat (ebenfalls bei Suhrkamp) Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung herausgebracht. Das Buch erscheint zuerst auf Deutsch, dann auf Französisch. Vielleicht, weil er so stark von Theodor W. Adorno inspiriert ist?

Weiter zu Diogenes, wo der neue Krimi Halali von Ingrid Noll erschienen ist. Ihre Bücher zu lesen ist für mich Ehrensache.

Amélie Nothomb erwische ich leider nur noch im Signierzelt. Sie sieht aus, wie sie schreibt – extravagant.

Amélie Nothomb – extravagant und durch und durch stimmig (Foto: Fellgiebel)

Bei 3sat heißt das aktuelle Buch Mein Leben als Hosenträger von Jens Steiner. Als ich näher komme, wird aus dem Hosen- ein Hoffnungsträger. Jens Steiner ist ein junger Autor ohne Ecken und Kanten, und man fragt sich, warum manchen Autoren für ihre Werke eine übergebührlich wirkende Aufmerksamkeit geschenkt wird, will sagen: Medienpräsenz.

Dann kommt Sasha Marianna Salzmann, die mit ihrem Debut Außer sich sofort die shortlist des Buchpreises erklommen hat. Sie nennt ihr Buch freitext – und meint, sie schreibe autobiografische Fiktion. Das gefällt mir und sagt alles. Sie spricht perfekt Russisch, Deutsch und Türkisch und ist eine interessante Grenzgängerin.

Sascha Marianna Salzmann (Foto: Fellgiebel)

Auf dem blauen Sofa stellt Ijoma Mangold seine Autobiografie Das deutsche Krokodil vor. Er hat einen nigerianischen Vater und wird von René Aguigah befragt, dessen Vater aus Togo stammt. Er sagt Sätze wie: Einen Vater, den man nicht hat, vermisst man nicht. Und: Man liest immer identifikatorisch. Aber dass in jeder Signierschlange Menschen stehen, die sagen: Ich bin genau wie Sie, ich habe auch einen nigerianischen Vater, der zum Medizinstudium nach Deutschland kam, gefällt ihm weniger. Das nimmt ihm die Einzigartigkeit.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Nach Businessfrühstück in der Gourmet Gallery, Wake-up-Slam am Arte-Stand. Sehr empfehlenswert. Jeden Morgen veranstalten ein weiblicher und ein männlicher Poetryslammer waghalsige Sprachverrenkungen von beneidenswertem Geschick: Heute Jean-Philippe Kindler »Seitdem ich von meiner Freundin auseinandergelebt wurde« und Leticia Wahl »Zuhause ist dort, wo man Knochen altern hört«.

Kaum hat man sich auf Francfort en français und Frankreich als Gastland eingelassen, führt uns die Pressekonferenz in das Gastland 2018 – nach Georgien. Das Land, dessen 33-buchstabiges Alphabet und polyphone Gesang Unesco-Kulturerbe sind, steckt voller Geheimnissen und Geschichten.

Georgia made by characters heißt dann auch der Gastlandauftritt und Nino Haratischwili – liebgewonnene Autorin, die 2010 bei der Literaturveranstaltung ALFA das erstes Blind Date war – hält zwar leider nur über Video, aber doch eine Einführungsrede, die uns Georgien und seine Menschen näherbringen soll. Ganz und gar seien diese Menschen.

Wie passend, danach zu Angela Steidele zu gehen, die ihr neuestes Buch, die erotische Biografie Anne Listers vorstellt. Ein tolldreistes Werk weiblicher Leiblichkeit. Anne Lister (1791-1840) bereiste mit ihrer Frau Ann Walker 1840 u. a. Georgien. Angela Steidele folgte 2016 dieser Reiseroute mit ihrer Frau. Zur nächsten Buchmesse wird die Gegenüberstellung dieser beiden Reisen erscheinen und Georgien aus ganz anderer Perspektive zeigen.

Angela Steidele (Foto: Jana Gross)

 

Als Kind berühmter Eltern hat man es meist schwer, als schreibendes Kind berühmter Schriftsteller allzumal. So wirkt Theresia Enzensberger noch arg jung und unbedarft, während Simon Strauss (*1988) trotz seiner Jugend seine Meinung mit Vehemenz kundtut: Energie und Streitkultur vermisst er. Gute Literatur hat einen Erschütterungsauftrag. Gedanken-Seelen-Herzensbildung kann nur mit Pathos, Feuer und Streit erreicht werden. Mit seinem ersten Roman Sieben Nächte ist ihm ein großer Wurf gelungen, wurde ihm attestiert. Prall und voll und überhaupt.

Birgit Vanderbeke ist immer lesenswert. Mit Wer da noch lachen kann gibt sie erschütternde Einblicke in ihre schwere Kindheit und Jugend.

Daniel Kehlmann (Foto: Fellgiebel)

Daniel Kehlmann, der ewig bubenhafte Schwiegermuttertraum, wollte eigentlich nach Vermessung der Welt keinen historischen Roman mehr schreiben, wegen der unmöglichen Dialoge. Der Dreißigjährige Krieg hat ihn jedoch so sehr fasziniert, dass er mit Hilfe des Gauklers Tyll – in Anlehnung an Till Eulenspiegel – einen Roman in diese Zeit versetzen musste.

Am ZEIT-Stand stellen Ijoma Mangold, René Aguigah und Daniel Fiedler ihr neuestes Projekt vor: Sie werden einmal im Monat die neue Sachbuch-Bestenliste bei ZDF, ZEIT und Deutschlandfunk bekannt geben, wobei sie größten Wert auf die Besten- und nicht die Bestsellerliste legen. Eine 30-köpfige Jury bedient sich eines ausgeklügelten Bewertungssystems. Meine Frage nach der Geschlechterparität lässt die Herren peinlich berührt kichern und stottern: Ähm, ich glaube 60:40, meint Mangold. Schaumer mal.

Noch ehe es vom Börsenverein als Pressenotiz verschickt wird, ist klar: Dies ist die politischste Buchmesse aller Zeiten. Jeden Abend um 17 Uhr formiert sich eine deutsch-französische Gesprächsrunde vor dem blauen Sofa, die etwas presseclubartiges an sich hat. Martin Schulz, Gregor Gysi, Renate Künast sind nur ein paar der vielen anwesenden Politiker.

Freitag, 13. Oktober 2017

Pünktlich um 10 Uhr finden wir uns an der ARD-Bühne zum »Traum von einer besseren Welt« ein.

Hilal Sezgin, Axel Hacke und Christina Morina diskutieren ihre neuen Sachbücher: Nichts tun ist keine Lösung, Über den Anstand in schwierigen Zeiten und Die Erfindung des Marxismus .

Schnell weiter zum Wake-up-Slam, wo Katinka Buddenkotte den hinreißenden Text »Schön bis zum Schluss« vorträgt und Frank Klötgen wortakrobatisch überzeugt.

Druckfrisch – Deutschlands Meistleser Denis Scheck wird immer besser – zumal er auf das nervige »Vertrauen Sie mir, denn ich weiß was ich tue« verzichtet. Vielmehr verwöhnt er mit Sätzen wie: »Ich lasse mich von Büchern ungern zwangsduschen.« Und »Literatur lässt uns aus der Haut fahren, in die Haut eines anderen.«

Er schwärmt vom Dekontaminationsprozess, den Lyrik bewirken kann, und ergötzt sich an Büchnerpreisträger Jan Wagners Stein von Rosetta , der in Wirklichkeit ein Mückenschwarm ist. Und: Wissen Sie, was ein Regenschirm ist?

Ein Stock im Pettycoat!

Lesen bedeutet, seine Wahrnehmung zu erweitern. Wie wahr!

Wenig später interviewt er Petra Reski, die heldenhafte Journalistin, die über die Aktivitäten der Mafia – auch in Deutschland – schreibt. Was wenige Tage später Daphne Caruana Galizia auf Malta widerfährt, droht auch ihr: Sie deckt seit Jahren mutig die Machenschaften der Mafia auf, berichtet von deren Konjunkturankurbelungsprogramm (=Geldwäsche) und nennt die Flüchtlinge das neue »Heroin der Mafia«. Bei aller Liebe heißt ihr jüngstes Buch.

Iris Radisch, Feuilletonchefin der ZEIT, verrät, warum die Franzosen so gute Bücher schreiben. Dass sie deshalb ihr Äußeres an die oft in Sack und Asche gewandete Simone de Beauvoir anpassen musste, erschreckt. Doch dann beginnt sie zu erzählen und reißt ihr Publikum mit viel Leidenschaft in die Avantgarde französischer Literatur. »Französische Literatur ist exzessiv. Literarische Pornografie!« am Ende wird sie gebeten, drei Buchempfehlungen abzugeben: Als guter Start: Jean-Paul Sartre: Die Wörter und Albert Camus: Der erste Mensch, als Überraschung George Perec: die Dinge, und als Lieblingsbuch: Pierre Michon: Leben der kleinen Toten. Nur Männer! Schade.

Renate Künast (Foto: Fellgiebel)

Renate Künast erzählt, wie sie ihre Beschimpfer aus dem Internet aufgesucht und zur Rede gestellt hat. »Ich hab doch nicht gedacht, dass Sie das lesen!« ist die häufigste beschämte Reaktion, die ihr entgegnet wurde.

Auf der Openstage-Bühne weiß man wer das Sagen hat: Bastian Bielendorfer (Foto: Fellgiebel)

Bei Open-Stage herrscht ein heiterer Ton: Bastian Bielendorfer liest aus seinem neuesten Buch, danach unterhält Krimiqueen Gaby Hauptmann.

Auf der Openstage-Bühne weiß man wer das Sagen hat: Gaby Hauptmann (Foto: Fellgiebel)

Randvoll mit Eindrücken unterschiedlichster Art verlasse ich die Messe wie eine Schulschwänzerin: Denn den erfahrungsgemäß unerträglich vollen Samstag schenke ich mir in diesem Jahr erstmalig. Eine kluge Wahl, denn das Wetter ist sommerlich-sonnig. So gönne ich mir einen Besuch am Sachsenhäuser Museumsufer und lande in der grandiosen Ausstellung Henry Matisse – Pierre Bonard im Städelmuseum. Ich bin in guter Gesellschaft: Iris Radisch ist auch da.

Abends geht’s zu einem der vielen Buchmessenrahmenprogramme, genauer gesagt zum Konzert Irma und Cody ChesnuTT.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Paulskirche hat mir letztes Jahr so gut gefallen, dass ich auch in diesem Jahr daran teilnehme. Gute Reden zu hören ist immer wieder ein Genuss: Eva Menasse hält eine fulminante Laudatio auf die diesjährige Preisträgerin Margaret Atwood, die ihrerseits mit einer intelligenten, hörens- bzw. lesenswerten Rede dankt.

Ich bin erleichtert und dankbar, dass mir die weiteren »Wortergreifungszwischenfälle« auf der Buchmesse, bei denen die Polizei einschritt, erspart geblieben sind und freue mich auf nachstehende Lektüre denn:

Das Schöne am geschriebenen Wort ist, dass es wie ein Licht im Dunkeln leuchtet.

Bücher und Hörbücher auf die ich mich freue:

Barbara Fellgiebel ist langjährige Buchmessen- und Literaturfestival-Beobachterin. Sie verweigert sich nach wie vor erfolgreich den sozialen Medien. Sie freut sich aber über Ihre Reaktionen hier als Kommentar.: alfacult(at)gmail.com