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Buchmesseimpressionen 2016 von Barbara Fellgiebel – Teil 5 – Nicht so tolerant wie gewünscht

Cosplayer auf der Frankfurter Buchmesse 2016 [1]

Cosplayer auf der Frankfurter Buchmesse 2016

Barbara Fellgiebels Messimpressionen aus Frankfurt – respektlos, subjektiv, frech, erfrischend und noch so einiges.

Teil 5 (und letzter Teil): Mit persönlichen Augen beim Friedenspreis.

Der Freitagabend gehört wie immer – der hessischen Filmpreisverleihung. Alle Jahre wieder trippeln immer weniger Stars und immer mehr Sternchen, die was werden wollen, über den roten Teppich in die Alte Oper, die einen wirklich festlichen Rahmen bietet. Wir stehen über dem Eingang auf der Balustrade und belächeln neidlos die 12-cm-Stöckel und wurstpellenengen Kleider, die mehr enthüllen als verdecken. Da taucht Dieter Wedel auf, dessen Friseur tief in den Rottopf gegriffen hat, hier die wunderbare Dunja Hayali die später eine der besten Laudationes hält. Klaus Maria Brandauer wird für sein Lebenswerk geehrt, Jochen Schropp führt auf erfrischende, angenehme Art durchs Programm und sorgt mit seinen witzigen Frankfurt-PR-Filmchen für herzhafte Lacher. Plötzlich stehen 20-30 Leute auf der Bühne und nehmen jede Menge goldener Kerle (der hessische Oscar) in Empfang: Das sind Kinobetreiber, die jedes Jahr geehrt werden und ohne deren oft ideellen Einsatz es keine großen Kinoerlebnisse (mehr) gäbe. Für mich der verdienteste Preis. Jasmin Tabatabai sorgt für musikalische Untermalung und singt mit Reinhard Meys »Aller guten Dinge sind drei« allen Eltern dreier Kinder aus der Seele.

Samstag, 22. Oktober 2016

Warum tut man sich das an? Der Samstag ist unerträglich voll und wer noch nie klaustrophobische Gefühle hatte, bekommt sie hier. Hunderte von mehr oder weniger originell kostümierten Cosplayern und Mangakids geben sich ihr alljährliches Stelldichein. Sie lassen sich hocherfreut fotografieren und bieten gratis Hugs (Umarmungen) an. Manche auch mit Keksen. Das haben sie vor ein paar Jahren von der Leipziger Buchmesse übernommen und viele »normale« Besucher fragen sich, ob diese Kids denn auch mal ein Buch zur Hand nehmen. Aber ja, Mangaserien und Graphic Novels sind angesagt und erfreuen sich eines Riesenpublikums.

Das versuchen mehr und mehr Autoren auszunutzen, um auf diese Weise junge Leser zu gewinnen.

Comic-Angebot von Nils Oskamp [3]

Comic-Angebot von Nils Oskamp

So versucht auch Nils Oskamp mit eindrücklichen Zeichnungen sein autobiografisches Buch Drei Steine – ein mahnendes Werk gegen Rechtsradikalismus zu vermarkten. Geschickt hat er sich mit einer Graphic-Novel-Ausstellung genau gegenüber vom Stand der Jungen Freiheit positioniert. Mutig und nötig.

Wigald Boning – Inmitten der saunawarmen Hallen wandelt Wigald Boning in seiner unverkennbaren gelben Öljacke und hohen Gummistiefeln, aktuell mit Im Zelt. Von einem der auszog um draußen zu schlafen. Er hat 200 Nächte im Winterhalbjahr im Zelt verbracht. In Deutschland wohl gemerkt und ein interessantes Dossier über das Soziotop Campingplatz verfasst.

ARD-Hörbox – In der ARD-Hörbox darf sich wer will als Märchenerzähler probieren. Da sind wir dabei. Tischlein deck dich ist dran. Wir lesen eine Seite mit verteilten Rollen, nachdem wir unterschrieben haben, keinerlei Ansprüche auf Tantiemen zu stellen. Am nächsten Tag kommt prompt über We transfer ein Tischlein deck dich Hörspiel mit einem Maximum an verschiedenen Stimmen. Erstaunlich was wirkliche Profis aus Laien herausholen können.

http://literaturcafe.podspot.de/files/Tischchen_deck_dich.mp3 [4]

 

Kerstin Finkelstein – Die Berliner Autorin debütiert mit ihrem Roman Die letzte Patientin. Eine Vorstellung am Verlagsstand, die beinahe unbemerkt vorbeigegangen wäre, wenn nicht zwei Kolleginnen Flyer zum Buch verteilt hätten. Zwei begeisterte Schwäbinnen bilden den Anfang des Publikums, mehr gesellen sich dazu und am Ende ziehen eine Handvoll erwartungsvoller Leser/innen mit ihren frisch signierten Leseexemplaren von dannen.

Kerstin Finkelstein

Kerstin Finkelstein

Sonntag, 23. Oktober 2016

Erstmalig nehme ich »mit persönlichen Augen« an der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels teil. Carolin Emcke erhält den mit 25.000 Euro dotierten Preis, der schon in mehreren Fällen Vorbote des Nobelpreises war. In diesem Jahrhundert bei Orhan Pamuk und Svetlana Alexijewitsch. Die Verleihung findet immer in der Paulskirche statt, und die Preisträger sind auf Steintafeln im Eingangsbereich verewigt.

Es werden gute Reden gehalten. Kurz und prägnant die Begrüßungsreden des Frankfurter Oberbürgermeisters sowie des Vorstehers des Börsenvereins. Länger und persönlich die Laudatio der türkischen Professorin Seyla Benhabib und schließlich die geniale Rede Carolin Emckes, die mit »Wow, So sieht es also aus dieser Perspektive aus … « beginnt und endet. Dazwischen liegen Hass und Homosexualität, Dank und Demokratie, Religion und Shayach – das aus dem Aramäischen stammende hebräische Wort für Angehören, Menschenrechte und Migration sowie ein Abstecher zu Borussia Dortmund. Genial.

Vorschaubild

Carolin Emcke Dankesrede Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 23 10 2016 ARD

Interessant, beim Rausgehen verschiedene Reaktionen zu vernehmen und sofort den Beweis zu bekommen, dass nicht alle Anwesenden so tolerant, so weltoffen, so akzeptierend und respektierend sind, wie es der Tenor dieser Rede wünschen lässt.

Und zu guter Letzt: Meine diesmal besonders lange Bücherliste. Viel Lesevergnügen wünscht

Barbara Fellgiebel

Bücher auf die ich mich freue:

Barbara Fellgiebel ist passionierte Buchmessen- und Literaturfestivalbesucherin und verweigert sich nach wie vor erfolgreich dem Schneller-kürzer-visueller-Wahn sowie Twitter, Facebook und Instagram. Bei ihr darf noch gelesen werde, mit Ruhe und Genuss.
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