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Buchmesseimpressionen 2016 von Barbara Fellgiebel – Teil 3 – Die Messe der zerknitterten Frauen

Wolf Biermann (links) mit Volker Weidermann auf dem Blauen Sofa

Wolf Biermann (links) mit Volker Weidermann auf dem Blauen Sofa

Barbara Fellgiebels Messimpressionen aus Frankfurt – respektlos, subjektiv, frech, erfrischend und noch so einiges.

Teil 3: Ein Buch ist das Ergebnis von nicht gestrichenen Sätzen.

Donnerstag, 20. Oktober 2016 – Über Biermann und Bier

Dies ist die Messe der kurzen Röcke und langen Stiefel, sowie der zerknitterten Frauen, im Gegensatz zu den vielen grauen alten Herren, die vor ein paar Jahren die Messe dominierten. Aber es ist auch die politischste Messe seit langem und ihr Star ist Wolf Biermann.

Er stellt auf allen Bühnen seine Autobiografie Warte nicht auf bessre Zeiten vor, die »nur« 500 Seiten umfasst, während seine Stasiakte es auf 50.000 Seiten bringt. Der quirlige 80-Jährige lockt sein Publikum mit gelungenen Formulierungen wie »es blieb mir gar nichts walter ulbricht«, er sei ein Weiber-Leiber-Zeitvertreiber und habe nur ein paar Wichtigkeiten und Nichtigkeiten niedergeschrieben. Mein Seelenbrot, das ich gebacken – hat er nicht in der »Goebbelsschnauze« (Naziradio) gehört. Und dann zitiert er die Auschwitzkeule herbei, womit er die Tatsache meint, dass sein jüdischer Vater in Auschwitz ums Leben gekommen ist.

Nach dem 10. Auftritt des Tages, steht er geduldig einem Fernsehteam zum Spontan-Interview zur Verfügung und erklärt seine Theorie der gegenwärtigen innerpolitischen Lage Deutschlands:

Wenn einem Menschen geholfen wird, steht er in einer Schuld. Wenn ihm so sehr geholfen wird, dass er diese Schuld nie und nimmer zurückzahlen kann, wächst sein Unmut. Er kompensiert, indem er die Hilfe herunterspielt, bagatellisiert. Schließlich erscheint er undankbar, hat sich aber von der Last der Schuld befreit. Genauso verhalten sich Gesellschaften, genauso hat sich die DDR verhalten. Ich frage ihn, ob er jemals bereut hat, in die DDR gegangen zu sein? Nein, ganz und gar nicht, sehen Sie mal, wenn ich in Hamburg geblieben wäre, wäre ich Vorsitzender der KPD geworden. Und dann?

Timothy Garton Ash

Timothy Garton Ash

Arnold Stadler ist mit Rauschzeit aktuell. Er meint, schreiben ist Ja sagen. Ein Buch sei das Ergebnis von nicht gestrichenen Sätzen. »Mühsam!«, lautet das lakonische Urteil meiner unerbittlichen Kollegin.

Sibylle Lewitscharoff hat es auf die Longlist geschafft mit Das Pfingstwunder. Sie entpuppt sich als die Dante-Expertin schlechthin.

Eckart von Hirschhausen wollten wir uns eigentlich nicht antun, staunen aber dass er seine Albernheit abgelegt hat und richtig gute Tipps gibt.

Axel Hacke wird von Ulrich Sonnenschein zu seiner interessanten Neuerscheinung Die Tage, die ich mit Gott verbrachte interviewt. Ersterer gefällt sowieso, zweiterer auch – nicht nur wegen seines schönen Namens.

Ian Kershaw

Ian Kershaw

Ian Kershaw und Timothy Garton Ash trennen zwar 22 Jahre, doch sie sind zwei Gentlemen, die viel gemein haben: beide sind Briten, die sich für Brexit schämen, beide sind Historiker, brillante Intellektuelle, die beide fantastisch Deutsch sprechen. Und beide sind aktuell mit hoch interessanten Büchern unterwegs: Ian Kershaw mit Höllensturz, in dem er Europa 1914-1949 schildert. Er spricht vom 30-jährigen Krieg des 20. Jahrhunderts. Timothy Garton Ash mit Redefreiheit, in dem er von den neuen Supermächten Twitter, Google und Facebook spricht, von der großen Chance, aber auch der großen Gefahr, die diese globale Vernetzung für uns bedeutet.

Zerknitterte Frau? Connie Palmen

Zerknitterte Frau? Connie Palmen

Connie Palmen, eine der zerknitterten Frauen, besticht mit ihrem wachen Intellekt und macht neugierig auf Du sagst es, ein Buch über die symbiotische Liebe zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes, geschrieben aus Teds Perspektive. Ein Muss für alle, die ihn bisher gehasst haben.

Niña Weijers, eine junge niederländische Autorin, stellt Die Konsequenzen vor und meint, in Deutschland gibt es viel mehr Antworten, in den Niederlanden viel mehr Fragen. Interessant.

Gedichte zum Mitnehmen auf dem S. Fischer Verlagsfest

Gedichte zum Mitnehmen auf dem S. Fischer Verlagsfest

Donnerstagabend habe ich die Ehre und die Freude, auf dem Verlagsfest des S. Fischer Verlags verbringen zu dürfen. Wieder findet es im Literaturhaus statt. Wieder gelingt das Wunder, von dem Eventmanager nur träumen können:

Da treffen sich ca. 500 Menschen, essen Käse- und Wurstbrote ohne Firlefanz, keine kreativen Häppchen. Trinken Bier, Wein und Wasser. Und reden. Und amüsieren sich. Werden nicht mit Musik zugedröhnt, werden nicht mit Reden oder anderen Darbietungen beglückt. Zurück zur Simplizität?

Hier klicken und weiterlesen: Teil 4 – Männerbücher und Auslassungen bei Frauen » [2]

Barbara Fellgiebel

Barbara Fellgiebel ist passionierte Buchmessen- und Literaturfestivalbesucherin und verweigert sich nach wie vor erfolgreich dem Schneller-kürzer-visueller-Wahn sowie Twitter, Facebook und Instagram. Bei ihr darf noch gelesen werde, mit Ruhe und Genuss.
Kommentieren Sie gern hier unten oder schreiben Sie ihr: alfacult(at)gmail.com