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Buchmesseimpressionen 2016 von Barbara Fellgiebel – Teil 2 – Wo handelt sich das Buch über?

Gastpavillon Flandern & Niederlande auf der Frankfurter Buchmesse 2016

Gastpavillon Flandern & Niederlande auf der Frankfurter Buchmesse 2016

Barbara Fellgiebels Messimpressionen aus Frankfurt – respektlos, subjektiv, frech, erfrischend und noch so einiges.

Teil 2: Bewegen Sie sich gesittet auf Herrn Hockney zu!

Dienstag, 18. Oktober 2016 – Hockney und Eröffnung

Pressekonferenz. Der britische Fotograf und Künstler David Hockney ist Gastredner und zieht erwartungsvolle Scharen von Journalisten an. Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, ist aufgeregt wie ein kleiner Junge und strengt sich an, seine Stimme unter Gewalt zu bekommen. Er plädiert in seiner Begrüßungsrede für eine robustere Zivilität – erstaunlich wie gewisse Begriffe die ganze Misere der aktuellen Politik auf den Punkt bringen können.

Kreativwirtschaft ist auch so ein Begriff, der zeigt, wie Kreativität vermarktet wird.

Unscharf, da Kunst: Buchmesse-Direktor Juergen Boos (links) und David Hockney

Unscharf, da Kunst: Buchmesse-Direktor Juergen Boos (links) und David Hockney

Und schon wird ein SUMO-Buch [1] hereingeschleppt, und schon kommen die Verhaltensmaßregeln der Pressefrau: Meine Damen und Herren, bitte bewegen Sie sich langsam und gesittet auf David Hockney zu und liefern Sie sich keine Schlacht. Der arme David, sitzt da mit seiner Baskenmütze und dem breiten Grinsen und lässt geduldig den Blitzlichthagel über sich ergehen, ehe er sich der Leinwand zuwendet, auf der ein iPad seine Bilder malt und er faszinierend erklärt, wie auf dem leeren Schirm seine Bilder entstehen. Er hält den Saal in seinem Bann, hat keine Ahnung, wie viele Bilder da in welchem Zeitfenster heranwachsen und wartet mit uns bisweilen gefühlte 5 Minuten ehe es weitergeht. Das ist Entschleunigung pur. Vor mir sitzt Andreas Langenscheidt [2], der sich aufregt, wie clever der Taschenverlag seinen Katalog animiert, nachdem er sich von meinem Nachbarn eine Messekarte erbettelt hat. Herr Langenscheidt also. Nicht Herr Taschen.

Um 17.00 Uhr ist die offizielle Messeeröffnung in Anwesenheit ihrer königlichen Hoheiten Königin Mathilde und König Philippe von Belgien sowie König Willem-Alexander der Niederlande. Die Sicherheitsvorkehrungen sind rigoroser denn je, die Veranstaltung verläuft reibungslos, perfekt, langweilig. Danach wird der Gastpavillon besichtigt, 500 Gäste entreißen 15 Servierpersonen 50 Häppchen und stürzen sich auf Bier, Wasser und Wein, wobei das ein oder andere gefüllte Glas zu Bruch geht.

Mittwoch, 19. Oktober 2016 – 1. Messetag

Heute geht’s los. Zaghaft. Tommy Wieringa und Saskia de Coster im Gespräch im Pavillon der Gastländer Niederlande und Flandern. Allen 72 geladenen Gastautor/innen ist das Bemühen hoch anzurechnen, mehr oder weniger perfekt Deutsch zu sprechen. Das wird im nächsten Jahr beim Gastland Frankreich nicht so selbstverständlich sein.

Auf der ARD-Bühne stellt Tilmann Lahme Die Briefe der Manns vor, wobei die Lektüre hoffentlich aufschlussreicher und inspirierender ist als die Präsentation.

Amélie Fried hat den vielschichtigen Roman Ich fühle was, was du nicht fühlst geschrieben. Über die Synästhesie in den 70-er Jahren aus ziemlich autobiografischer Sicht einer 13-Jährigen.

Can Dündar, türkischer Journalist, spricht über sein Buch Lebenslang für die Wahrheit – Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Flankiert von gewaltigen Sicherheitsbeamten, die in jedem Zuhörer einen potenziellen Attentäter wittern. Gruselig. Die Frage »Gibt es in der Türkei Pressefreiheit?« beantwortet er: »Ja, in der Türkei gibt es Pressefreiheit. Man kann sagen und schreiben, was man will. Man muss nur ins Auge fassen, einen sehr hohen Preis dafür zu bezahlen.« So wie er, der vier Monate im »Duplex-Appartement« verbrachte.

Druckfrisch auf der Messe

Druckfrisch auf der Messe

Denis Scheck, Mr. Druckfrisch, hat abgespeckt. Er entbehrt nicht einer gewissen Ähnlichkeit mit Genscher, nur hat er den gelben Pullunder mit gelben Socken ersetzt. Er nimmt sich wie immer die SPIEGEL-Bestsellerliste vor und versichert, alle 10 Belletristik und 10 Sachbüchertitel von vorn bis hinten gelesen zu haben. Ergebnis: Radikale Bildungsverachtung. Seine Favoriten sind:

Papyrus des Caesar – der neueste Asterix, und legt uns den jüngsten Gedichtband des Büchner-Preisträgers Marcel Beyer wärmstens ans Herz, indem er dessen Gedicht Raps vorträgt: eine Erweiterung der Weltwahrnehmung schwelgt er.

Weiter geht es mit Christoph Ransmeyer Cox – eine kluge Meditation über die Vergänglichkeit

Auch das jüngste Werk seiner »geschätzten Kollegin« Thea Dorn Die Unglückseligen empfiehlt er ohne Sarkasmus und Ironie.

Duell von Joost Zwagerman verkaufte sich im 17 Millionenland Niederlanden 1 Million Mal, wofür Herr Scheck großes Verständnis hat. Er hätte sich gern mit dem Autor unterhalten, doch dieser beging im vergangenen Jahr Selbstmord.

Als der Höhepunkt seiner Buchvorstellungen kommt und Denis Scheck drei Kochbücher ankündigt, verlasse ich fluchtartig den Saal. Wie tief können Sie sinken, Herr Scheck?

Shared Reading: Am Arte-Stand wird ein neues Konzept vorgestellt, das in seiner Einfachheit besticht: Einmal pro Woche treffen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, Alters, Ausbildung um 90 Minuten miteinander einen hoch literarischen Text zu lesen, wobei immer eine Person vorliest. Die Teilnehmer diskutieren ihre ganz persönliche Wahrnehmung des Textes, merken, wie unterschiedlich die Reaktionen auf ein und denselben Text sind und erreichen ein Gefühl unerwarteten Wohlbefindens.

Hier klicken und weiterlesen: Teil 3 – Die Messe der zerknitterten Frauen » [4]

Barbara Fellgiebel

Barbara Fellgiebel ist passionierte Buchmessen- und Literaturfestivalbesucherin und verweigert sich nach wie vor erfolgreich dem Schneller-kürzer-visueller-Wahn sowie Twitter, Facebook und Instagram. Bei ihr darf noch gelesen werde, mit Ruhe und Genuss.
Kommentieren Sie gern hier unten oder schreiben Sie ihr: alfacult(at)gmail.com