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Beitrag vom 13. März 2009 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Buchbesprechung: Daniel Kehlmanns Roman »Ruhm«

Buchrücken: Daniel Kehlmanns RuhmDaniel Kehlmann hat den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 für seinem Roman »Ruhm« nicht erhalten. Damit ging wieder einmal einer der beiden bekannten Buchpreise an ihm vorbei. 2005 war er für »Die Vermessung der Welt« für den erstmals auf der Frankfurter Buchmesse verliehenen Deutschen Buchpreis nominiert, unterlag jedoch damals in der Jury-Gunst Arno Geigers »Es geht uns gut«.

Mit Julia Schoch und  Sibylle Lewitscharoff hatte Kehlmann jedoch starke Konkurrentinnen, und letztere gewann schließlich mit ihrem Roman »Apostoloff« den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 in der Kategorie »Belletristik«. Kehlmann profitierte somit auch nicht indirekt von seinen Erfolgen für »Die Vermessung der Welt«.

»Ruhm« war der lang erwartete Nachfolger. Ein Werk, das fast schon automatisch sofort die Bestsellerliste erklomm und derzeit nur aufgrund der aktuellen Vampir-Begeisterung hinter den Bis(s)-Büchern von Stephenie Meyer liegt. Bei Nachfolgewerken von Bestsellern setzt offenbar bei vielen ein automatischer Kaufreflex ein.

Ein Schriftsteller kann nach einem Bestseller-Erfolg fast nur verlieren. Schreibt er nochmals über das gleiche Thema oder im gleichen Stil, so dürfte man ihm vorwerfen, sich nicht mehr weiterzuentwickeln. Schreibt er etwas ganz anderes, dürften viele Fans enttäuscht sein. Arno Geiger entschloss sich nach seinem Erfolg mit »Es geht uns gut« zunächst einmal eine Sammlung von Kurzgeschichten herauszubringen (»Anna nicht vergessen«).

Kehlmann wählte einen ähnlichen Weg, wenngleich auch wesentlich komplexer: Er präsentiert in »Ruhm« neun Kurzgeschichten, die jedoch als »Roman« bezeichnet werden. Sein Kniff: Viele der Geschichten sind miteinander auf unterschiedliche Arten verwoben. Das sind zum Teil Figuren, die in der ein oder anderen Geschichte wieder auftauchen oder auf die Bezug genommen sind, das können aber auch bestimmte Vorfälle oder Ereignisse sein, die in späteren Geschichten aufgelöst oder erklärt werden.

Daniel Kehlmann hat in »Ruhm« die Texte sehr intelligent und kunstvoll verwoben. Gleichzeitig erlaubt ihm die Aufteilung in einzelne Geschichten, die fast alle auch für sich allein stehen könnten, unterschiedliche Sprachen und Perspektiven zu wählen, die durchaus reizvoll sind.

Kehlmanns Roman in Kurzgeschichten ist eine Art Episodenfilm in Papierform. Der Anfang, als der Protagonist der ersten Geschichte plötzlich Anrufe auf seinem Handy bekommt, die für jemand anderen bestimmt sind, erinnert sehr an Paul Austers New York Trilogie aus den 1980er-Jahren, wenngleich Auster sein Verwirrspiel mit Autor und Leser noch weitaus weiter treibt als Kehlmann.

Doch auch Kehlmann beschränkt sich in seinen Geschichten nicht nur auf »reale« Personen, sondern lässt diese oftmals deutlich als »erfundene« Figuren auftreten, sodass beispielweise eine dem Tod geweihte alte Frau, die zu einer Sterbeklinik in die Schweiz reist, plötzlich beginnt, mit dem Autor der Geschichte zu hadern, ob der ihr denn nicht ein besseres und glücklicheres Ende andichten könnte.

Überhaupt kreisen viele der Geschichten um das Schreiben und das Leben von Autoren und sind daher obendrein sehr selbstreferenziell. Als »Germanistenprosa« hat Elke Heidenreich dieses Werk bezeichnet. Ein Etikett, das nicht ganz falsch ist, denn ironische und gut geschriebene Bücher über die eigene Branche wie Thomas Glavinics »Das bin doch ich« kommen bei Buchhandel und Kritikern immer sehr gut an.

Die Frage ist jedoch, ob auch Außenstehende viele der Anspielungen verstehen und sie überhaupt lesenswert und interessant finden. So gibt es in einer der Geschichten einen brasilianischen Bestsellerautor von Lebenshilfebüchern, der sich gekonnt in seinem eigenen Erfolg suhlt –  unverkennbar ein Paulo-Coelho-Verschnitt, über den man sich köstlich amüsiert, so man nicht unbedingt ein Fan des südamerikanischen Autors ist.

Hat uns Daniel Kehlmann in »Die Vermessung der Welt« eine ganz andere Sicht auf Bereiche und Dinge präsentiert, so muss sich »Ruhm« vorwerfen lassen, im eigenen Erlebnissaft zu schmoren, so gekonnt, gut und durchaus unterhaltsam die Geschichten auch verfasst sind.

Da mag man sich auch die Frage stellen, ob das Werk, wäre es nicht von Kehlmann und würde es nicht so sehr um den Buchmarkt selbst kreisen, überhaupt wahrgenommen worden wäre. Oder hätte man die Geschichten in den Verlagslektoraten abgelehnt, weil man dort Kurzgeschichten nicht gerne veröffentlicht, da Romane bessere Umsätze bringen?

Erstaunen ruft auch hervor, dass Kritiker und Kehlmann selbst betonen, es ginge in den Geschichten auch und vor allen Dingen um die moderne Kommunikation, um die Allgegenwart von Handys, Internet-Foren und Social-Communities und was diese mit Personen und ihrer Kommunikation machen. Dass dies fast schon als herausragendes Merkmal gesehen wird, mag daran liegen, dass die wenigsten Kritiker in dieser Welt daheim sind. Für den Menschen, der über Mobilfunk und Web kommuniziert, ist ein Handy in einer Kurzgeschichte oder die Story über einen im wirklichen Leben kommunikationsunfähigen Foren-Troll nicht sonderlich spektakulär. Im Gegenteil: Zeitgenössische Geschichten ohne eMail und SMS scheinen fast schon anachronistisch zu sein.

Wolfgang Tischer

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2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Birgit schrieb am 16. März 2009 um 20:11 Uhr

    Mir haben die Geschichten gefallen, weil mir verwobene Stories gefallen. Dass es Kehlmann geschrieben hat, war mir egal, ich habe sein erstes Buch nicht gelesen. Wahrscheinlich ist es wirklich so: hätte es ein unbekannter Autor geschrieben, hätte es wohl nie in dieser Weise Aufmerksamkeit erregt.

  2. Johanna Sibera schrieb am 21. März 2009 um 13:39 Uhr

    So ein automatischer Kaufreflex muss auch bei “Alle sieben Wellen” von Daniel Glattauer aufgetreten sein. Gratulation! Wie schafft man es, diese Art von Kaufreflex auch auszulösen, wenn man vorher keinen Bestseller, sondern nur einen Mäßig-Seller verfasst hat? Bitte um eine wöchentliche Liste aller Mäßig-Seller, auch dort kann man ja reihen von Platz 1 bis Platz 10! Bitte, bitte, mein Verlag, die niederösterreichische Edition Weinviertel, wartet noch auf Verkaufszahlen für 2009 – mein Roman heißt “Herzklappern” und ist sogar von Gundula Rapsch teilweise im Radio gelesen worden. Ein kleines Buch für Frauen – der nächste Muttertag kommt bald!

    Mit besten Grüßen

    Johanna Sibera

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  1. ruhm | lesesaal verlinkte am 15. Juni 2009 um 10:25 Uhr

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