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Beitrag vom 3. Oktober 2013 | Rubrik: E-Books

Buch der Zukunft: Haben Sie schon das neue GTA gelesen?

Buchhandlung im Spiel GTA VDas Buch wird interaktiv und social, wird nächste Woche wieder auf der Buchmesse zu hören sein. Früher war das eine Handels- und Lizenzmesse. Heute macht man sich in Frankfurt Gedanken und Sorgen über die Zukunft. Auf Konferenzen wie CONTEC und StoryDrive geht man der Frage nach, was Buch, Verlage und Autoren künftig so machen.

Der Leser darf mitgestalten und sich einbringen. Geschichten sind nicht mehr nur an Papier und Elektronik gebunden, Grenzen zu Film und Spiel verwischen.

Das soll die Zukunft sein? Das erlebe ich doch jeden Abend! Ich spiele GTA V.

Um etwas über »neue Formen des Erzählens« zu erfahren, muss man sich eigentlich nicht auf Kongressen herumtreiben, man muss nur rund 65 Euro investieren und sich das Spiel kaufen. Ok, zugegeben, man benötigt auch noch eine Xbox oder Playstation.

Aber dann erlebt man eine Geschichte, in die man eintauchen kann, deren Dramaturgie ein Autor festgelegt hat, bei der man jedoch Tempo und Umwege selbst bestimmt. Und das ganze multimedial – oder vielmehr transmedial, wie man heute sagt (weil multimedial ja sooo 1990er ist). Eine Geschichte, in der Animationen, Filme und Musik eingebunden sind. Eine Geschichte, die man daheim genießen kann und die einen auch unterwegs auf dem Smartphone begleitet. Eintauchen in eine andere Welt und eine neue Form des Erzählens. Und eine Geschichte, über die man sich mich mit anderen austauschen kann und die man zum Teil gemeinsam erleben kann.

All das sind Sätze, die man oft hört, wenn man auf Konferenzen von der neuen Form des Buches oder des Erzählens spricht.

Ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel?

Aber niemand würde GTA als Buch bezeichnen oder gar als neue Form der Literatur. Es steckt in der Schublade Computerspiele, aber im Grund genommen ragt es weit über das hinaus. Es ist eine neue Form, Geschichten zu erzählen und zu erleben, die es in dieser Größe, Detailfülle und Freiheit für den Spieler noch nicht gab. Aber ist das noch ein Spiel? Bin ich noch Spieler? Oder müssten nicht schon längst neue Begriffe gefunden werden? Ich bin Spieler, ich bin Zuschauer. Ich agiere scheinbar frei und werde dennoch von einem Autor überrascht, der für all das ein Drehbuch geschrieben hat, ohne dass es ein Film ist.

Eine Welt mit dicken Hintern

GTA ist übertrieben, ist gewalttätig. Aber das sind viele Psychothriller auch. Und dennoch ist GTA in der Figurenzeichnung detailreich – auch optisch. Die immer gleichen, schlanken, gut aussehenden SIMS-artigen Computermenschen gibt es hier nicht mehr. Man sieht auch Leute mit dickem Hintern und schöne und weniger schöne Gesichter. Und anders als in anderen Spielen gleichen sich Computermenschen auf den Straßen nicht alle paar Meter.

GTA ist eine Gangsterstory, aber man stelle sich einmal vor, was man hier noch erzählen könnte. Eine Horror-Story? Oder wie wäre es mit einer Komödie? Eine Liebesgeschichte, die zu Herzen geht? Eine Heldenreise? Die GTA-Macher haben bereits mit Red Dead Redemption gezeigt, wie man heutzutage einen Western mit einem sehr vielschichtigen, gebrochenen Helden erzählen kann. Und eine Spielerweiterung machte daraus dann sogar eine Zombie-Welt.

Selbst in der Welt von GTA lesen die Menschen im öffentlichen Nahverkehr keine Bücher mehr, sondern ihre Smartphones.

Selbst in der Welt von GTA lesen die Menschen im öffentlichen Nahverkehr keine Bücher mehr, sondern ihre Smartphones.

Während von »neuen Formen des Erzählens« gesprochen wird, gibt es diese längst, auch wenn sie als Spiel deklariert sind sind und sie durch diese Deklaration vielen unzugänglich bleiben. Das Buch muss sich dort nicht beweisen. Denn E-Books mit Filmchen oder der Möglichkeit, hier und da den Handlungsverlauf per Hyperlink zu ändern, wirken hilflos. Verlage werden zudem die 200 Millionen Euro nicht haben, die Produktion und Marketing von GTA V gekostet haben, die es aber schon nach drei Tagen wieder eingespielt haben soll.

Kann das Buch da noch konkurrieren? Oder sollte die Frage lauten: Muss das Buch da konkurrieren? In Sachen Aufmerksamkeit und »Mediennutzungsbudget« mit Sicherheit. Aber sonst?

Liegt die Zukunft des Buches nicht gerade in seiner Textform, egal ob Papier oder E-Reader? Alles andere können andere längst besser.

Wolfgang Tischer

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10 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Xm schrieb am 3. Oktober 2013 um 12:11 Uhr

    Was für ein ungewöhnlicher Beitrag für ein Literaturmagazin! Toll mal über den Tellerrand zu gucken. GTA ist ein kulturphänomen.

  2. Chris Kurbjuhn schrieb am 3. Oktober 2013 um 12:15 Uhr

    Ich erinnere in diesem Zusammenhang gern an die in der “Home-Computer-Zeit” immens populären Text-Adventures der Firma Infocom. Da haben Menschen schon vor ca. dreißig Jahren interaktive Romane erzählt, die zum Teil richtig, richtig gut waren, wie z. B. “Trinity” oder “A Mind Forever Voyaging”.

  3. Olaf Behnke schrieb am 3. Oktober 2013 um 12:35 Uhr

    Die Produktionskosten für GTAV betrugen aber nicht eine Viertelmillion Euro, sondern eine Viertelmilliarde Dollar. Und das ist in Euro ein Fünftel von einer Milliarde.

  4. Redaktion schrieb am 3. Oktober 2013 um 13:02 Uhr

    Danke für den Hinweis. In der Tat war die Zahl falsch und daher viel zu niedrig angegeben. Ich habe das im Artikel auf 200 Millionen Euro geändert und ebenfalls ergänzt, dass da das Marketingbudget auch mit dabei ist. Ich beziehe mich auf eine genannte Summe von 170 Millionen Pfund Sterling (202 Millionen Euro), da das Spiel von einer schottischen Firma stammt.

    Wolfgang Tischer

  5. Chräcker Heller schrieb am 3. Oktober 2013 um 13:17 Uhr

    Ja. ;-) – Interaktive Geschichten, und was für welche, werden schon lange durch “Computerspiele” erzählt. Bei GTA, aber auch bei nur auf den ersten Blick (arg) schlichter daher kommenden Spielen wie “To the Moon”,
    http://www.chraecker.de/blog/?tag=to-the-moon , der unglaublich nahe gehende Mainstreamstory bei “The Walking Dead” oder auch Blockbuster wie das neue Lara Croft. (Alle auch für PC erhältlich…)

    Da schimpfen dann gerne, wie auch bei GTA, manche Spieler, daß es sich strenggenommen schon gar nicht mehr um Spiele handelt, aber je nun: Tellerrände sind zuweilen eben auch was höher…

  6. Eva Jancak schrieb am 3. Oktober 2013 um 15:32 Uhr

    Wieder was gelernt von dem ich vorher keine Ahnung hatte

  7. Rouven schrieb am 4. Oktober 2013 um 09:21 Uhr

    Es wäre aber doof wenn ich ein Buch lesen will, eines kaufe, und dann werde ich mit interaktiven Inhalten genervt. Dann muss eine Warnung auf das Buch: “Achtung!!! Interaktive Inhalte!”.

  8. Naike schrieb am 4. Oktober 2013 um 10:54 Uhr

    Ich schätze beides, aber Spiel ist für mich Spiel und Buch ist Buch. Wenn ich ein Buch zur Hand nehme, will ich mal keine Entscheidungen treffen müssen, sondern tatenlos genießend in einer Welt versinken, die ein anderer fü mich geschaffen hat.

  9. Matthias Mühler schrieb am 4. Oktober 2013 um 21:28 Uhr

    Die letzte Frage ist interessant: “Liegt die Zukunft des Buches nicht gerade in seiner Textform, egal ob Papier oder E-Reader?”
    Ich denke: JA. Auch oder vielleicht gerade weil uns die Trendforscher, die PR-Agenturen und Social Media Aktivisten das Gegenteil erzählen. Die wirkliche Chance der Literatur liegt in ihrer Reduktion, im Abgeschlossensein der Handlung, im sozusagen “Asozialen”. (Ich rede hier von Bellletristik.)
    Zudem: Es gibt ja schon genug Romane, “iin die man eintauchen kann, deren Dramaturgie ein Autor festgelegt hat, bei der man jedoch Tempo und Umwege selbst bestimmt.” Ich denke da an Werke wie Cortázaras “Rayuela” oder Neniks “XO” – beides Romane, die einen abgeschlossenen Textkorpus haben, bei denen der Leser die Reihenfolge der Kapitel jedoch selbst bestimmen kann – oder eben die vom Autor vorgegebene nimmt.
    Neniks Roman gibt es sogar – und hier kommt die Technik wieder ins Spiel – nicht nur gedruckt, sondern auch in digitaler Form (in der ich es gelesne habe). Und das vollkommen umsonst, veröffentlicht unter einer Creative-Commons-Lizenz.
    http://www.ed-cetera.de/ed-ition/fiction/xo-online/
    Die Literatur hat also genug Potential in sich – in Form von Texten, die nicht nach außen schielent, weil sie in sich stark genug sind.
    Für Sachbücher gelten hier gewiss andere Regeln, da funktionieren interaktive Inhalte, und vielleicht auch in derr Genre-Literatur, wo etwa zusätzliche Karten von Fantasywelten o.ä. eingeblendet werden können usw.
    Aber die “klassische” Literatur, der sich dem allzu engen Genre verweigernde Roman hat das eigentlich nicht nötig. Da will man als Leser Kohärenz, nicht das Zerfasern der Story in einer potentiell unendlichen Welt.

  10. Lars Gunmann schrieb am 5. Oktober 2013 um 21:01 Uhr

    Ich freue mich auch sehr auf Beyond: Two Souls.

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