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Brauchen Belletristik-Verlage überhaupt eine eigene Website?

Verlagswebsite: Navigation nach ThemenweltenDer Lübbe Verlag hat kürzlich seine Website neu gestaltet [1], »relaunched« wie man in Fachkreisen dazu sagt. Aber mal ehrlich: Erinnern Sie sich daran, wie die alte Website aussah?

Der neue Internet-Auftritt wirkt wie aus dem Lehrbuch der Web-Gestaltung: Unterschiedliche Menü- und Navigationsstrukturen sollen optimalen Zugang zu Büchern, Hörbüchern, Autoren und Sprechern, zu Buch-Genres und zielgruppenspezifischen Informationen schaffen. Man findet aktuelle Titel auf der Startseite positioniert, und YouTube-, Facebook- und Twitter-Links verknüpfen die Site mit den sozialen Netzwerken im Web. Über allem thront eine sogenannte »Bühne«, eine Werbefläche, die pro Rubrik, Genre oder Unterseite mit einem passenden Flash-Filmchen bespielt werden kann.

Doch gerade der scheinbar perfekte Lehrbuchaufbau lässt die Website beliebig, austauschbar und steril wirken. Die Website besitzt nichts Individuelles und hat den Charme eines gebohnerten Hausflurs – sauber, aufgeräumt aber unpersönlich. Würde man Verlagslogo, Farben und »Bühnenbilder« austauschen, ist sie nicht mehr als ein Passepartout, das für viele Verlag passen könnte.

Ein ernüchterndes Ergebnis, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel Zeit, Geld, Aufwand und Abstimmung hinter jeder »relaunchten« Website stecken. Lohnt sich das überhaupt noch?

Ist die große und allumfassende Verlags-Website eines Belletristikverlages nicht ein Relikt von gestern? Braucht ein Verlag derzeit überhaupt noch eine solche Website?

Die Website als Statussymbol?

Natürlich ist das auch eine Prestige- und Statusfrage. Ein großer Verlag muss zeigen, was er hat. Und das ist viel. Und wie präsentiert man diese Vielseitigkeit im Netz? Da muss es ein Zugang nach Autoren und Buchtiteln geben, nach Buchreihe und für Zielgruppen wie Buchhändler, Presse oder Linzenzhändler. Egal wer sucht und wonach gesucht wird, es soll gefunden werden.

Doch wer sucht schon nach Informationen auf der Website eines großen Verlages? Die Verlagshäuser haben allesamt ein Problem, das zunächst einmal nichts mit dem Internet zu tun hat: die gemeine Leserin oder der gemeine Leser weiß in der Regel nicht, in welchem Verlag ein bestimmtes Buch erschienen ist – wenn ihr oder ihm aus dem Stegreif überhaupt ein paar Verlagsnamen einfallen. Buchhändlerinnen sind schon froh, wenn Kunden den Namen des Autors oder den Titel kennen. Niemand wird auf die Website eines Verlags gehen und dort nach Autor und Titel suchen. Warum betreiben Verlage so viel Aufwand, um ihr komplettes lieferbares Programm im Web abzubilden? Und mal ehrlich: die PR-Texte eines Buches, die Klappentexte aus der Satzbausteinwerkstatt und Zitate wie »Ein großartiges Buch!« Stephen King will doch niemand lesen.

Verlagswebsites spielen bei Google kaum eine Rolle

Nun mag man argumentieren, dass gut gemachte und entsprechend optimierte Seiten dazu führen, dass eine Google-Suche diese ganz oben listet. Doch Suchmaschinenoptimierung ist teuer, und macht man die Probe aufs Exempel, so wird man bei einer Suche nach Autor und Titel nur in ganz seltenen Ausnahmen die Verlagswebsite auf der ersten Ergebnisseite finden.

Und in der Tat führt eine Google-Suche die Leserin und den Leser oder die Käuferin und den Käufer dorthin, wo sich relevantere Informationen finden: auf die Sites der Online-Buchhandlungen oder Antiquariate, auf relevante Informationen und Besprechungen von Online-Magazinen und anderen Medien. Selbst ein guter und relevanter Blog-Eintrag bietet oftmals mehr.

Denn wer ein Buch kaufen will, sucht bei Amazon, Libri, ZVAB und Co. Wer Kritiken und die Meinungen anderer Leser lesen will, kann auch das dort tun oder surft auf den Feuilleton-Seiten der Online-Ausgabe einer Zeitung oder lässt sich auf perlentaucher.de zusammenfassend darüber informieren, was über ein Buch geschrieben wurde.

Die Verlagswebsite steht nicht mehr im Mittelpunkt

Der beste Impuls für den Buchkauf ist seit jeher der persönliche Tipp der Freundin. Und diese persönliche Empfehlung wird mehr und mehr nicht real am Wohnzimmertisch oder Büro ausgesprochen, sondern virtuell in den Netzen. Gut und relevant ist mehr und mehr, was das persönliche Netzwerk auf Facebook und Twitter liest und empfiehlt.

Das wiederum habe viele Verlage mittlerweile erkannt und sie investieren ins »Social Media Marketing«. Kaum mehr ein Verlag ohne eigene Facebook-Fansite. Denn die eigene Verlagswebsite steht nicht mehr so ganz zentral im Mittelpunkt, stattdessen muss man dort sein, wo man die Leserinnen und Leser vermutet. Das Geld in twitternde Volontäre scheint besser investiert, als in ausgefeilte Content-Management-Systeme und Datenbanken.

Schlanke Websites für große Verlage?

Kann der Weg zur schlanken Website ein Trend werden, dem auch große Verlage folgen? Ein schnelles, aktuelles, kostengünstiges, gepflegtes und individuelles Verlagsblog im Mittelpunkt, um das sich höchstens ein paar Aktionswebsites zu den Autoren und Titeln des aktuellen Halbjahresprogramms gruppieren? Stattdessen eine Konzentration nach außen auf Facebook & Co und mediale Streuung via YouTube und iTunes? Schnelle Beiboote statt träge Tanker?

Wolfgang Tischer

Wie ist Ihre Meinung? Nutzen Sie die Verlagswebsites der großen Belletristik-Verlage? Wir freuen uns über Ihre Kommentare!