Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 3. Juni 2010 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Blutrünstiger Klassiker: Stolz und Vorurteil und Zombies

Cover-Ausschnitt aus "Stolz und Vorurteil und Zombies"Was hat den Heyne Verlag geritten, solch hanebüchenen Quark zur deutschsprachigen Ausgabe von Jane Austens »Pride and Prejudice and Zombies« zu schreiben?

Der Roman sei »die alternative Version des großen Klassikers«, die man »in den Archiven der Universität Oxford entdeckt« habe. Jane Austens Co-Autor Seth Grahame-Smith habe das Werk abgetippt, und seither habe man nicht mehr von ihm gehört. Ein Nachwort-Geschwurbel  von »Prof. Waldemar Knochen, Universität Leichburg« und fiktive Anzeigen für weitere Klassiker wie Thomas Manns »Der Zombieberg« sind im Anhang zu finden.

Will der Verlag mit diesem Unsinn das die deutsche Ausgabe interessanter machen? Das ist reichlich misslungen und schadet dem Werk. Denn dieses ist interessant genug.

Tatsächlich hat Seth Grahame-Smith – Jahrgang 1976 und wohlauf – Jane Austens Klassiker mit blutigen Zombie-Szenen durchsetzt. Was nach einer literarischen Freveltat klingt, funktioniert erstaunlich gut.

Zombies in der Weichspühlerwelt

Als Mann mag man sie manchmal hassen, jene Weichspülerwelt der Jane Austen, in der die einzige große Sorge der Oberschicht darin besteht, ob die Töchter aus gutem Hause denn nun den richtigen Mann fürs Leben finden oder nicht. Als gäbe es nichts Wichtigeres.

Da wünscht man sich gelegentlich, dass Zombies durch die Fenster der Ballsäle stürmen und die lahme Gesellschaft aufmischen oder besser gleich blutig niederbeißen.

Englische Version, die deutsche Übersetzung und das OriginalSo mag es vielleicht auch dem Schriftsteller und Drehbuchautor Seth Grahame-Smith ergangen sein. Er nahm den Originaltext von Jane Austens »Stolz und Vorurteil« und integrierte darin einige Zombie-Szenen und -Attacken.

Vergleicht man den englischen Originalroman mit Grahame-Smiths Version, so ist man erstaunt, dass Grahame-Smith am Roman wenig abändern musste. Zu 90% ist es Austens Original. Nur kleine Einsprengsel im Text weisen darauf hin, dass die Oberschicht in den Herrenhäusern ständig auf der Hut vor Zombies sein muss, die draußen in Wald und Flur auf Opfer lauern. Selbst die größeren Zombie Attacken bei nächtlichen Wanderungen, Kutschfahrten oder in der erwähnten Ballszene fügen sich erstaunlich gut in die Originalhandlung ein, die – und das ist das ebenfalls bemerkenswerte – dadurch in keiner Weise verändert wird.

Da die Charaktere Jane Austens in ihrer Welt leben und vom gemeinen Volk wenig mitbekommen, ist es reichlich egal, ob jenseits der noblen Eigenheime Bauern oder Zombies hausen.

Seth Grahame-Smiths Werk ist daher mehr als ein Remix- oder Mashup-Roman. Das Werk macht sich nicht über Austens Original lustig, obwohl der Autor zunächst den Zorn der Austen-Fans fürchtete, die gleich Zombies auf ihn einstürzen könnten.

Ernstzunehmende Klassiker-Bearbeitung

Grahame-Smith hat ein Werk konstruiert, dass in seiner philosophischen Aussage und Weltsicht mit den Zombiefilm-Klassikern George A. Romeros vergleichbar ist.  Statt viktorianischer Villen ist es bei Romero ein Einkaufszentrum (»Dawn of the Dead«) oder eine verbarrikadierte dekadente Luxusstadt (»Land of the Dead«), die von den Untoten umringt ist. Die Überlebenden flüchten sich in eine vermeintlich heile Welt und wollen nicht wahrhaben, dass draußen der Tod lauert.

Durch Grahame-Smith Zombie-Würze bekommt auch Jane Austens Welt etwas Paradoxes und Irreales. Und während Romeros Helden die Untoten mit der Pumpgun umnieten, greifen die Bennet-Schwestern im Buch wie selbstverständlich zu fernöstlichen Nahkampftechniken, um der Bissigen Herr zu werden.

»Stolz und Vorurteil und Zombies« ist keine literarische Blödelei, wie es der Heyne Verlag durch das mäßig witzige Beiwerk der deutschsprachigen Ausgabe suggeriert. Dennoch sei dem Verlag gedankt, dass er die Koproduktion auch deutschsprachigen Lesern zugänglich macht. Die deutsche Übersetzung stammt von Carolin Müller, die das Werk vollständig neu »durchübersetzte«.

Anders als der englische Originaltext, der mittlerweile urheberrechtsfrei ist und daher problemlos von Seth Grahame-Smith für den Genre-Mix verwendet werden konnte, sind die Übersetzungen noch urheberrechtlich geschützt. Nebenbei also ein Beispiel, wie das bestehende deutsche Urheberrecht solch interessante literarische Experimente leider verhindert. Einen »Zombieberg« wird es daher in absehbarer Zeit sicherlich nicht geben.

»Stolz und Vorurteil und Zombies« ist daher eine ernst zu nehmende Lektüreempfehlung für alle, die den englischen Klassiker neu kennenlernen wollen. Sie verpassen absolut nichts von der Originalhandlung, können sich jedoch auf blutig-brutale Intermezzos freuen, die die viktorianische Beziehungslethargie wohltuend aufmischen.

Die deutschsprachige Ausgabe:
Jane Austen, Seth Grahame-Smith: Stolz und Vorurteil und Zombies: Roman. Taschenbuch. 2010. Heyne Verlag. ISBN/EAN: 9783453533516. EUR 11,99 » Bestellen bei Amazon.de
Jane Austen, Seth Grahame-Smith: Stolz und Vorurteil und Zombies. Hörbuch-Download. 2011. Audible Studios. EUR 23,25 » Bestellen bei Amazon.de
Jane Austen, Seth Grahame-Smith: Stolz und Vorurteil und Zombies: Roman. Kindle Edition. 2010. Heyne Verlag » Herunterladen bei Amazon.de

Das englische »Original«:
Seth Grahame-Smith, Jane Austen: Pride and Prejudice and Zombies: The Classic Regency Romance-Now with Ultraviolent Zombie Mayhem (Pride and Prej. and Zombies, Band 2). Taschenbuch. 2009. Quirk Books. ISBN/EAN: 9781594743344. EUR 9,99 » Bestellen bei Amazon.de

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Gabriele Leschke schrieb am 16. Dezember 2010 um 09:29 Uhr

    Gerade gestern bin ich auf diese Adaption gestoßen und schon sehr gespannt darauf. Dieser Beitrag bestärkt mich darin, sie als Pflichtlektüre für Jane-Austen-Fans auf meine persönliche Leseliste zu setzen! Nur ein kleiner Hinweis: Jane Austen gehört natürlich nicht in die viktorianische Epoche, sondern in die georgianische.

  2. Sabine Jede schrieb am 10. Januar 2013 um 18:50 Uhr

    Sehr empfehlenswert ist hier das Hörbuch, eingelesen von Stefan Kaminski. Phantastischer Hörgenuss!!

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. Twitterfundstücke « Heinrichs Blog verlinkte am 3. Juni 2010 um 15:04 Uhr

    […] 3. Juni 2010 von Heinrich Ich habe die Phase meiner inneren Kernspaltung noch nicht abgeschlossen. Darum lese ich sogar noch Twittermeldungen, da immer wieder interessante Hinweise von den Mitgliedern gezwitschert werden. Fundstück Das Erstsatz-Duell, Fundstück Zombie-Jane […]