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Beitrag vom 3. April 2015 | Rubrik: Literarisches Leben

Blind Date mit Blind Book und einem Werwolf im Schwarzwald

BLIND BOOK (ISBN wurde von uns unkenntlich gemacht)

Buchhändlerin und Buchhändler – so der Mythos der Branche – verfügen über eine hohe Beratungskompetenz, und sie können ihren Kunden zielsicher Buchtipps geben. Während man noch skeptisch Cover und Klappentext betrachtet, beteuern sie: »Das könnte Ihnen gefallen!«

Aber was, wenn Sie Buchtitel, Cover, Verlag, Klappentext und nicht mal die erste Seite des Romans sehen könnten? Würden Sie dieser Empfehlung der Buchhändlerin auch blind folgen? In Calw habe ich mich darauf eingelassen.

Ich bin wieder mal in der Hesse-Stadt, und da ich grundsätzlich an keiner Buchhandlung vorbeigehen kann, schaue ich in die örtlichen Osiander-Filiale rein. Zwischen all den bunten Covern fällt eine Wand auf. Dort stehen einige Bücher, die solide in Packpapier eingewickelt und mit Paketband verschnürt sind. Mit schwarzem Filzstift ist das Papier beschriftet. »Eine deutsche Autorin beschreibt eine Familie und ihr düsteres Geheimnis« steht da als Inhaltsbeschreibung auf dem braunen Packpapier. Oder: »Ein großartiger Roman über das Verschwinden von Erinnerung und der Angst, was in der Zukunft noch bleibt«.

BLIND BOOK bei Osiander in Calw

BLIND BOOK bei Osiander in Calw

Würden Sie diesen Empfehlungen folgen? Und warum?

»BLIND BOOK« steht mit gleicher Filzschreiberschrift auf einem weißen Zettel am Paketband – neben Preis und ISBN. OK, ich könnte zum Smartphone greifen und googeln, aber dann würde ich mir selbst das Spiel verderben.

Als Schwarzwald- und Grusel-Fan fällt mein Blick auf das verhüllte Buch mit der Aufschrift: »Fantasy. Ein Werwolf ist im Schwarzwald unterwegs.«. Die Aktion gefällt mir, ich nehme es vom Regal. Und frage mich schon jetzt, wie das Buch wohl aussehen wird und ob ich es wohl gekauft hätte, wenn ich das Cover gesehen hätte. Was, wenn das eine Art Stephenie Meyer des Schwarzwalds ist?

Genau das ist das Spiel.

Der Kassenbon könnte allerdings das Spiel dann doch verderben: Die Warenwirtschaft als Schwachstelle des BLIND BOOK. Aber auch das hat man bedacht, und ich merke an den Bewegungen der Buchhändlerinnen-Hände, dass sie den Titel überschreiben und mir selbst das grüne Verkaufsdisplay der Kasse nur Preis und »BLIND BOOK« anzeigt. Man hat hier mitgedacht, und das gefällt mir.

Ohnehin finde ich das Improvisierte am BLIND BOOK sehr sympathisch. Packpapier, Schnur und Filzstift ergeben eine nette Verkaufsidee. Natürlich hat Osiander das Blind Date mit einem Buch nicht erfunden – aber darum geht es nicht.

Nun liegt es also dort, dass BLIND BOOK. Ich habe es bewusst noch nicht ausgepackt und wollte warten, bis ich diesen Beitrag geschrieben habe.

Aber jetzt …

Wolfgang Tischer

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Eva Jancak schrieb am 3. April 2015 um 13:31 Uhr

    Luxusprobleme, höchstwahrscheinlich, wenn wir schon so über drüben stehen, greifen wir zum verpackten Buch und lassen uns ein wenig gruseln?
    Bei Anna Jeller hat es das im letzten Jahr zum “Tag des Buches” gegeben, ich hab das Päckchen aus dem Schaufenster genommen, es zu Hause oder auf der Straße aufgemacht und gewußt, woran ich bin und wenn ich, was ich ja öfter mache, vor den offenen Bücherschränken stehe, sagen mir die meisten Bücher ebenfalls nicht so viel.
    Ich lasse mich ja meistens vom Autorennamen leiten oder vom Cover, bin aber als über dem Tellerrandleserin ohnehin ziemlich offen und tolerant und lese mich gern quer durch den Literaturgarten.
    Die meisten Leser sind das, wie ich herausbekommen habe, nicht und haben ein bevorzugtes Genre, dann verstehe ich ganz ehrlich nicht, warum ich dreißig Euro für ein Buch zahle und dann vielleicht einen Arno Schmidt bekomme, wenn ich eine Phantasyleserin bin.
    Wir sind wahrscheinlich schon so übersättigt, daß uns das verpackte Päckchen reizt, aber natürllich ist es spannend etwas Neues kennenzulernen, also viel Spaß mit dem unbekannten Buch, das vielleicht auch im Osterkörbchen liegt.
    P.S. Wenn ich zu Weihnachten oder zum Geburtstag ein verpacktes Päckchen in die Hand gedrückt bekomme, ist das ja auch so Blind Date und dann ist es mir schon öfter passiert, das ich was bekomme, was ich schon habe.

  2. Fia schrieb am 23. Juni 2015 um 02:32 Uhr

    Was für ein Buch war es denn?
    Ich tippe auf “Die Alchimie der Unsterblichkeit” von Kerstin Pflieger. Passt zu der knappen Inhaltsbeschreibung und da hat mich auch das Cover erst irritiert.

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