Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 25. Juni 2009 | Rubrik: Literarisches Leben

Betriebsausflug der Literaten: Ab heute wird beim Bachmannpreis in Klagenfurt wieder gelesen

Bachmann-Preis-Gewinner 2009: Jens Petersen (Foto: bachmannpreis.eu/ORF)

Bachmann-Preis-Gewinner 2009: Jens Petersen (Foto: bachmannpreis.eu/ORF)

Die 33. Tage der deutschsprachigen Literatur: Wie jedes Jahr treffen sich in der letzten Juniwoche deutschsprachige Autoren und Kritiker zur Text- und Nabelschau in Klagenfurt. 3sat überträgt die Lesungen der 14 geladenen Autoren ab Donnerstag, den 25. Juni ab 10.00 Uhr morgens. – Von Karsten Redmann

Spitzweg ist schon lange tot. Sein armer Poet schon alt und grau. Von Poeten liest man heute kaum – zumindest nicht im Feuilleton der Zeitungen. Von Literaten ist da die Rede. Und natürlich auch von Preisen für Literatur.

Der in den kommenden Tagen zu vergebende Ingeborg-Bachmann-Preis 2009 ist da wieder ein willkommener Anlass zur literarischen Nabelschau und zur öffentlichen Bewertung der Ware Literatur. Einer wahrlich kostbaren Ware – schaut man sich die Preisgelder der drei höchstdotierten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum an: Der Gewinner des Joseph-Breitbach-Preises bekommt beispielsweise einen Betrag in Höhe von 50.000 Euro auf das Konto überwiesen. Die Jury des Büchnerpreises kann 40.000 Euro weiterreichen.

Und Tilman Rammstedt, 2008 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, wird sich im letzten Jahr mit den 25.000 Euro Preisgeld ein angenehmes Poetenleben gemacht haben. Wahrscheinlich an Ort und Stelle, seiner Wahlheimat Berlin – da wo die deutschsprachige Literatur Autoren massenweise anzieht.

Doch in den nächsten Tagen wird die Großstadt Berlin literarisch arg auf sich selbst zurückgeworfen sein. Das Scheinwerferlicht liegt dann nicht mehr auf den kühnen Gesichtern der Berliner Großstadtboheme sondern auf den gespannten Gesichtern der lesenden Autoren im Sendesaal des ORF in Klagenfurt. Und damit genau dort, wo ab heute die 33. Tage der deutschsprachigen Literatur stattfinden.

Seit 1977 zieht es die Schriftstellerelite in die österreichische Provinz um vor Kritikern ihre noch unveröffentlichten Texte zu lesen. Vor Kritikern, die ihre Texte sezieren, manchmal öffentlich loben oder in der Luft zerreißen. Je nach Gusto.

Aber die Literatenidylle am Wörthersee trügt von Fall zu Fall. So auch 1983, als der noch junge Bachmann-Preis von jetzt auf gleich aus der Nische in die Öffentlichkeit gehoben wurde. Einer gierigen Öffentlichkeit, die bekanntlich Skandale liebt und sie nicht so schnell vergisst: Denn Skandale brennen sich der Öffentlichkeit wie heiße Eisen in die Windungen des Bewusstseins. Vor allem wenn sie mit realen Schmerzen verbunden sind. So geschehen bei der öffentlichen Lesung des Schriftstellers Rainald Goetz.

Beim Vortragen seines Textes schockierte Goetz damals Zuschauer und Jury des noch jungen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Um seinem Text besonderen Nachdruck zu verleihen, fügte sich der junge Autor mit einer Rasierklinge kleine Schnittwunden auf der Stirn zu. Blut rann ihm wie schwere Regentropfen über das fahle Gesicht. Die Wunden waren damit Teil des Vortrags, Teil der Inszenierung und Teil der danach einsetzenden Berichterstattung über den Literatureklat.

Doch Goetz blieb – neben Urs Allemanns mit seinem Babyficker-Text –  als Skandal-Schriftsteller die Ausnahme in Klagenfurt, so dass der Bachmann-Preis heute von einzelnen eher als »Betriebsausflug der deutschsprachigen Literatur« bezeichnet wird. Eine Einschätzung, die jedoch nicht den Kern der Literaturtage trifft und damit auch eher ablenkt von den schwergewichtigen Autoren, die sich dort zum Wettlesen und vielleicht auch zum Geld verdienen treffen. Denn Poeten sind arm und meiden Öffentlichkeit. Schriftsteller hingegen sind omnipräsent und per se schon preisverdächtig.

Übertragung der Lesungen auf 3sat

Die Lesungen und Diskussionen um den Ingeborg-Bachmann-Preis überträgt 3sat jeweils live am Donnerstag, 25. Juni, und Freitag, 26. Juni, von 10.00 bis 15.00 Uhr, und am Samstag, 27. Juni, von 10.00 bis 14.00 Uhr. Die Preisverleihung zeigt 3sat am Sonntag, 28. Juni, um 11.00 Uhr, in seinem Programm. Mehr über das Leben der Schriftstellerin zeigt die Dokumentation “Ingeborg Bachmann in Italien” am Samstag, 27. Juni, um 9.40 Uhr. Zudem gibt es natürlich alle Infos auch auf bachmannpreis.eu, wo beispielweise auch die Texte der Lesenden veröffentlicht werden.

Karsten Redmann

Nachtrag vom 28.06.2009:
Die Preisträger von 2009

  • Der Arzt Jens Petersen erhält für seinen Text »Bis dass der Tod« den Bachmannpreis 2009
  • Ralf Bönt erhält für »Fotoeffekt« den Kelag-Preis
  • Gregor Sander wird für »Winterfisch« der 3sat-Preis verliehen
  • der Ernst-Willner-Preis geht an Katharina Born und
  • der Publikumspreis 2009 an Karsten Krampitz

Alle Infos, Text und Laudatios sind unter bachmannpreis.eu zu finden


2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. F.A. Hallé schrieb am 30. Juni 2009 um 06:11 Uhr

    Ich muss sagen, ich bin etwas befremdet angesichts dieser Entscheidung. Gut, der Text ist sprachlich in Ordnung, die Thematik ist kontroversiell, aber im Grunde ist das nichts Herausragendes. Freilich, der Autor wurde von einem der Juroren zum Wettlesen eingeladen; nachher stimmt derselbe Juror natürlich für den Autor… Mir ist schon klar, dass ein solcher Wettbewerb nicht anonym ablaufen kann, aber unter einer unabhängigen, objektiven Entscheidung verstehe ich etwas anderes.

  2. Bjoern schrieb am 1. Juli 2009 um 17:22 Uhr

    Die Rasierklinge von Goetz hatte ja noch eine gewisse Eindrücklichkeit. Heute scheinen sich Schreiber schon revolutionär vorzukommen, wenn sie ihre durchschnittlichen Texte aufessen.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *