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Beitrag vom 9. Dezember 2010 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Zerlesener Bestseller: Ferdinand von Schirachs »Verbrechen« an der Hotelrezeption

Ferdinand von Schirach: VerbrechenDer »Schirach« lag an der Hotelrezeption in einem der Regale mit zerlesenen Büchern, die andere Urlauber zurückgelassen hatten. »Verbrechen« als Piper Taschenbuch, sein Überraschungserfolg aus dem Jahre 2009. Der Aufkleber »Spiegel Bestseller« ist auf dem Umschlag angebracht. Mir war nicht bekannt, dass es gar kein Roman, sondern Kurzgeschichten sind. »Stories« ist innen im Buch zu lesen, nicht aber auf der Titelseite.

Da das Buch hier rumliegt, kann man es ja mal mit aufs Zimmer nehmen. Gekauft hätte ich es nicht. Ich erwerbe selten Bestseller, denn das machen andere, da muss ich es nicht auch noch tun.

Falsches Verbrechenssignal auf dem Titel

Auf dem Titel ist ein Mann von hinten mit Hut, Anzug und Aktenkoffer abgebildet. Eines der typischen Agenturfotos, die man bei Getty Images kaufen kann. Es signalisiert mir deutlich: In diesem Buch geht es um Wirtschaftsverbrechen. Ein bisschen sieht der Mann mit dem breiten Rücken auch aus wie Alfred Hitchcock. Vielleicht – so erfahre ich später – ist der Hut aber auch eine Anspielung auf René Magritte, denn auf der letzten Seite des Buches lese ich eine Art nachgestelltes Motto: Ceci n’est pas une pomme.

An der Hotelrezeption werfe ich einen Blick ins Buch das Wort Rottweil fällt mir ins Auge. Ein Roman der in der Kleinstadt Rottweil spielt? Mal was anderes. Noch weiß ich nicht, dass nur die erste »Story« in Rottweil angesiedelt ist.

Das Autorenfoto zeigt den Autor Ferdinand von Schirach, der eine Zigarette lässig zwischen den Lippen hängen hat, das Haar zurückgekämmt, der Detektivtyp aus den Schwarzweißkrimis der 50er-Jahre. Sowenig ich in der Regel Bestseller lese, so wenig lese ich Besprechungen über Bestseller, aber dass Schirach im Hauptberuf Rechtsanwalt ist, das habe ich auch so mitbekommen, da erzählt mir der Klappentext nichts Neues. »Strafverteidiger« steht dort und dass er Personen wie »das frühere Politbüro-Mitglied Rüdiger Schabowski, Industrielle, Prominente und angehörige der Unterwelt« vertreten habe. Was für eine merkwürdige Information. Was sagt sie über die Qualität des Buches aus? Wollte der Autor, dass das da steht oder war es der Wunsch des Verlages? Was sagt mir das? Dass der Autor alle Höhen und Tiefen des Verbrechens aus der eigenen Berufspraxis kennt? Dass er nimmt, was (oder wer) kommt? Ein eitler Star-Anwalt, der sich cool mit Fluppe im Gesicht inszeniert?

Beim Lesen wird schnell klar, dass das Titelbild mit dem Anzugmann in die Irre führt, denn es geht nicht um Wirtschaftskriminalität. In den meisten der 11 »Stories« geht es um Mord. Brutale Morde, die Schirach gerne detailliert schildert, zumindest wie das Opfer aufgefunden wurde.

Buch mit Alterskennzeichnung »FSK 18«?

Bei der absurden Diskussion, die derzeit um die Alterskennung von Websites geführt wird, die theoretisch ab dem 1. Januar 2011 erfolgen muss, bin ich immer wieder erstaunt, dass die Verlagslobby offenbar mächtige Verbindungen in die Politik haben muss, und Bücher eine solche »freiwillige« Kennzeichnung nicht tragen müssen. Denn Schirachs »Verbrechen« wäre sicherlich »FSK 18«, was bei mir wiederum die Frage aufwirft, wie diese Buchkritik im Internet ab Januar 2011 gekennzeichnet sein müsste, wenn das besprochene Werk selbst eine solche Kennzeichnung gar nicht besitzen muss. Aber ich schweifte ab.

Zerlesene Bücher im HotelTrotz der oft blutigen und unappetitlichen Details ziehen einen die »Stories« in ihren Bann. Sie lesen sich wie die Berichte wahrer Verbrechen. Ferdinand von Schirach bringt die Dinge sprachsicher auf den Punkt. Sein Ich-Erzähler ist ein sachlicher Berichterstatter, der mal mehr mal weniger präsent als Anwalt in seinen Kurzgeschichten auftritt, ansonsten stehen die Täter und ihre Geschichte im Mittelpunkt. Denn selbst wenn Schirachs Verbrecher aus scheinbar niedrigen Beweggründen handeln, werden sie vom Autor dennoch als Opfer ihrer Umwelt dargestellt; Menschen, die oft gar nicht anders können, als zu töten oder andere Verbrechen zu begehen. Das gilt für den praktischen Arzt aus Rottweil, der seine Frau brutal mit der Axt zerstückelt, genauso wie für den mehrfachen Bankräuber. Der zweite Tätertyp, den Schirach in seinem Buch portraitiert, ist der Mensch, der an psychischen Zwängen oder Defekten leidet: ein Museumswächter, der scheinbar grundlos die Statue zerstört, die er seit vielen Jahren bewacht hat oder ein Student, der den Wunsch hat, seine Freundin, die er über alles liebt, aufzuessen.

In Schirachs Sätzen stecken Abgründe

Immer wieder geht Schirach den Fragen nach »Was ist Schuld?« und »Welche Strafe ist gerecht?«. Beantworten muss sie die Leserin oder der Leser. Genauso knapp und treffend, wie er Handlungen und Leben der Täter oder Opfer darstellt, schildert er oft auch die Abläufe im juristischen Apparat Deutschlands.

Mit wenigen Worten beschreibt Schirach Personen und ihr Umfeld mit prägnanten Feststellungen wie »Etta betrachtete die Erziehung als abgeschlossen, als die Geschwister sich bei Tisch benehmen konnten, hochdeutsch sprachen und ansonsten still waren.« In solchen Sätzen liegen Abgründe.

Schirach hat einen erstaunlichen eigenen Stil entwickelt, der sachliche Schilderung und literarische Sprache gekonnt verwebt.

Schön, einen Bestseller auf diese Weise im Urlaub entdeckt zu haben und festzustellen, dass es ein gutes Buch ist.

Entdeckungen, die man im Übrigen nicht mehr machen wird, wenn Leute nur noch mit eBook-Lesegeräten verreisen und ihre Lektüre nicht mehr am Urlaubsort zurücklassen können.

Wolfgang Tischer

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