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Beitrag vom 22. Juni 2013 | Rubrik: Bachmannpreis 2013

Barbusiger Protest? Warum der Bachmannpreis überleben muss.

Ingeborg-Bachmann-Torte»Den Bachmann-Preis wird das Landesstudio Kärnten im kommenden Jahr [2014] ganz sicher nicht mehr durchführen«, zitiert die Kleine Zeitung ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Der ORF, in dessen Kärntner Landesstudio der Literaturwettbewerb seit 1977 stattfindet, muss sparen.

Wird also auch das literaturcafe.de in diesem Jahr das letzte Mal den Bewerb betwittern und in einem Video-Podcast aus Klagenfurt berichten?

Hat sich die Veranstaltung ohnehin überlebt? Darf für Literatur wertvolle Sendezeit auf 3sat verschwendet werden, wenn nur wenige schauen? Sollte man im Gegenzug besser Millionenbeträge für Sportveranstaltungen investieren, weil da die Quote stimmt?

Billiger ist nur ein Testbild

Bachmann-Studio

350.000 Euro kostet das ORF die Veranstaltung. Das ist eigentlich nicht viel. Die Lesungen der 14 Autorinnen und Autoren und die Studiodiskussion finden im eigenen Studio statt. Man braucht nur zwei Kameras und keine aufwändige Bühnentechnik. Billiger ist nur ein Testbild. Klar, mit Empfängen und allem Drumherum soll der Bewerb 750.000 Euro kosten, wie die Süddeutsche berechnet. Doch seit geraumer Zeit werden die Tage der deutschsprachigen Literatur von Sponsoren unterstützt, zu denen unter anderem die Kärntner Stadtwerke zählen. Alle Preise werden gestiftet, den Hauptpreis, eben jenen Bachmannpreis, der mit 25.000 Euro dotiert ist, bezahlt die Stadt Klagenfurt.

Die Stadt wurde, wenn man den Medienberichten glauben darf, von der Absetzungsandrohung des ORF genauso überrascht wie die Leiterin des Kärntner Landestudios Karin Bernhard und die Jury-Mitglieder.

In gut einer Woche finden die Tage der deutschsprachigen Literatur zum 37. Mal statt. Der Bachmannpreis wird am Sonntag, dem 7. Juli 2013, vergeben. Davor lesen ab Donnerstag die 14 Kandidatinnen und Kandidaten ihre Texte live vor Publikum und Jury, die dann ebenfalls öffentlich diskutiert und entscheidet, wer den Hauptpreis und die Nebenpreise bekommt. Die Veranstaltung wird auf 3sat und im Internet übertragen.

Olga Martynova - Bachmann-Preisträgerin 2012

Olga Martynova – Bachmann-Preisträgerin 2012

Dass die Drohung der Absetzung so kurz davor erfolgt, mag also kein Zufall sein. Die Diskussion um Für und Wider wird nicht nur in den Feuilletons geführt werden, sondern auch vor Ort die Gespräche bestimmen. Mit dem Wissen, dass das vielleicht die letzte Veranstaltung dieser Art ist, wird man ganz genau hinschauen. Wird der diesjährige Preis ein Schaukasten und Schaulaufen für potenzielle Sponsoren und Investoren? Schaut her, wenn ihr 35.000 Euro spendet, dann bleibt das alles erhalten. Ist es euch das wert? Wird es Demonstrationen vor dem Studio geben? Immerhin hat die österreichische Autorenvereinigung durch die angekündigte Streichung des Wettbewerb den ORF generell infrage gestellt, denn der komme seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht mehr nach.

Occupy Bachmannpreis

Occupy Bachmannpreis? Barbusige Proteste von literarischen Aktivistinnen vor laufender Kamera? Die Jury tritt während der ganzen Veranstaltung in den Hungerstreik?

Mit anderen Worten: Nach Stirnaufritzern und Babyfickern endlich wieder einmal ein lange ersehnter Skandal am Wörthersee?

Dass der Bachmannpreis auf der Kippe steht, ist nicht neu. Hinter den Kulissen wurde schon länger befürchtet, dass 3sat die Übertragung streichen würde. Zum Übertragungsjubiläum – in diesem Jahr gibt es den Preis zum 25. Mal im Fernsehen zu sehen – ist man jedoch nochmal dabei. Doch die Veranstaltung, die inklusive der Preisverleihung über vier Tage live übertragen wird, ist kein Quotenbringer. Um fernsehformatgerechter zu werden, wurde ohnehin die Zahl der Autoren und Juroren vor einigen Jahren reduziert und Sendezeit eingedampft. Der Bachmannpreis war zwar die erste Casting-Show im deutschen Fernsehen, doch zeitgemäß ist sie nicht mehr produziert: keine dramatische Musik, keine entsetzen Jury- oder Publikumsgesichter, vorproduziert und zwischengeschnitten. Stattdessen wird umgeblättert.

So wird und wurde die ganze Veranstaltung ohnehin stets infrage gestellt. Die einen wollen sie fersehtauglicher aufpolieren – was immer das auch bedeuten mag -, die andern wollten sie ohnehin längst absetzen.

Burkhard Spinnen, Vorsitzender der Bachmann-Preis-Jury

Burkhard Spinnen, Vorsitzender der Bachmann-Preis-Jury

Der Bachmann-Zirkus am Wörthersee sei eine rein inzestuöse Selbsterhaltungsmaßnahme eines überkommenen Literaturbetriebs. Selbsternannte Kritiker, die eigentlich keine Ahnung von der Materie haben, urteilen über Leipziger Literaturkursschreiberlinge, die überflüssige, langweilige, selbstbezogene Textlein von der Stange verfassen, so wie es ihnen beigebracht wurde, und die diese schlecht vorlesen. Kreatives Schreiben ohne Kreativität. Und Klagenfurt habe noch nicht einmal eine Stadtbibliothek. SPIEGEL-Literaturkritiker Georg Diez würde dem für ihn längst überholten Literaturwettbewerb keine Träne nachweinen, wenn man ihn (also den Preis, nicht den Literaturkritiker) im Wörthersee versenkt. Diez schreibt: »Es wäre das Ende für ein Symbol der literarischen Durchschnittlichkeit – und doch nur ein erster Schritt: Es müssten noch viel mehr Literaturpreise abgeschafft werden, damit Raum für Neues entsteht.«

Der Ruf nach »Neuem« ist immer gut. Aber hat man es schon gesehen? Ist das nicht bloßes Wunschdenken? Und Neues kann doch nur entstehen, wenn es das »Alte« gibt. Wohin bewegt sich »das Lesen« und »die Literatur«?

Amazon-Top-10 statt Bachmannpreis

Sind die Billigbücherstapel vor den Buchhandlungen die Zukunft des Schreibens und Lesens? Sind es die Wegwerftexte der Selfpublisher, die nicht den Bachmannpreis gewinnen wollen, dafür aber todsichere Tipps handeln, wie man ohne viel Schreibaufwand in die Top-10 bei Amazon kommt?

Fördergelder sollte man immer infrage stellen. Doch genauso deren Streichung. Wir können uns nicht darüber echauffieren, dass Millionenbeträge an GEZ-Gebühren, für Kindergeburtstagsfernsehen wie »Wetten, dass …?« verschwendet werden und gleichzeitig Kulturübertragungen wie den Bachmannpreis absetzen, weil der für zu wenige Menschen interessant sei. Denn genau deshalb ist der Preis umso wichtiger!

Der Bachmannpreis ist der transparenteste Literaturpreis, den wir haben. Man mag ihm Gekungel um die Kandidatenauswahl vorwerfen, aber dennoch können wir alle die Texte anhören und mitlesen. Wir verfolgen die Diskussion der Jury live, und wir erleben eine offene Abstimmung vor laufender Kamera. Wir können auch einfach hinfahren und uns ins Publikum setzen oder selbst mit Jurymitgliedern diskutieren.

Wir können Jurymitglieder auch doof finden. Wir können anderer Meinung sein. Wir können überzeugt davon sein, dass wir selbst viel bessere Texte schreiben könnten als die 14 Kandidatinnen und Kandidaten. Wir können uns über »den Literaturbetrieb« aufregen. Wir können uns ärgern, dass an drei Tagen nichts anderes auf 3sat kommt als dieses langweilige Gelaber. Und wir können all das über Twitter und Facebook in die Welt hinausblasen.

Streicht Büchner- statt Bachmannpreis

Mit der Literatur passiert genau das gleiche wie mit Sendungen wie »Wetten, dass …?«, DSDS oder Tatort.

Und das ist doch einfach großartig!

Einmal im Jahr kann die Literatur – wenngleich auch in anderen Dimensionen – zu anderen Fernsehereignissen aufsteigen. Der Hashtag #tddl wird Trend bei Twitter. Und gerade weil wir uns über »Bachmann« aufregen oder uns freuen können, ist diese Veranstaltung so wertvoll. Wann nimmt im deutschsprachigen Fernsehen die Literatur noch solch einen Raum ein? Wenn man die Sendung und den Wettbewerb streicht, dann wird nichts »Neues« nachkommen – zumindest nichts Literarisches. Wenn wir schon Preise und Fördergelder einsparen wollen, dann sollten wir besser beim Büchner- als beim Bachmannpreis beginnen.

Wolfgang Tischer

11 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Rouven schrieb am 23. Juni 2013 um 00:31 Uhr

    Na den Preis den den können doch nur die Auserwählten gewinnen. Eine privat-elitäre Jury entscheidet, wer teilnehmen darf und wer nicht. Das ist der Ansatz zu sagen: So etwas hat im öffentlich rechtlichen Rundfunk nichts zu suchen, oder ist bestenfalls eine kleine beiläufige Bemerkung in den Nachrichten wert.

  2. Lars Gunmann schrieb am 23. Juni 2013 um 11:14 Uhr

    Zitat: “Sind es die Wegwerftexte der Selfpublisher, die nicht den Bachmannpreis gewinnen wollen, dafür aber todsichere Tipps handeln, wie man ohne viel Schreibaufwand in die Top-10 bei Amazon kommt?”

    Jetzt mal ehrlich: Musste das jetzt schon wieder sein?

  3. Angela Leinen schrieb am 23. Juni 2013 um 12:10 Uhr

    @Rouven: Natürlich können den Preis nur die Auserwählten gewinnen. Ich kann übrigens auch keinen Violinwettbewerb gewinnen, weil ich gar nicht Geige spielen kann. Jeder der sieben Juroren sucht in eigener Verantwortung zwei Kandidaten aus, von deren Texten er wirklich überzeugt ist. Ich halte das für einen sehr guten Eingangsfilter, solange die Juroren unterschiedliche Schwerpunkte und Ansichten haben. Literaturkritik funktioniert nur im Diskurs, und das kann man sich nirgendwo so gut anschauen wie in Klagenfurt.

  4. Rouven schrieb am 23. Juni 2013 um 15:31 Uhr

    @Angela Leinen
    Eben das ist totalitär und undemokratisch, als ob die Juroren wirklich alles das lesen würden, was auf den Markt kommt. Und die können ja behaupten, was sie wollen. Der Vergleich mit der Geige hinkt wesentlich mehr als dieser: Nur weil ich Polizist bin und deswegen eine Waffe habe, schieße ich nicht jeden Passanten nieder. Der könnte es tuen und irgendeine Geschichte erzählen und käme ungestraft davon. Der kann ja behaupten, was er will. Vielleicht reicht er die Geschichte noch beim Bachmannpreis ein und gewinnt. Ach so nee, das geht ja nicht. Er müsste von der Jury auserwählt werden. Oder wie war es da noch gleich? Soviel zum Thema gute Regeln in der menschlichen Gesellschaft.

  5. Angela Leinen schrieb am 23. Juni 2013 um 16:09 Uhr

    @Rouven
    Ok. für mich zählt allerdings überhaupt nicht, ob das Auswahlverfahren demokratisch ist. Es geht darum, welches Verfahren einen interessanten Wettbewerb und zumindest die Möglichkeit einer literarischen Entdeckung begünstigt. Immerhin hat hier wirklich jeder sieben Chancen, eingeladen zu werden, denn jeder kann den Juroren seine Texte schicken. Die Schwelle ist extrem niedrig, denn der Text muss nur einem einzigen der sieben Juroren gefallen. Was könnte demokratischer sein? Wie würden Sie sich ein Auswahlverfahren vorstellen?

  6. Rouven schrieb am 23. Juni 2013 um 16:41 Uhr

    Ich stelle mir im Moment gar keines vor. Aber ist es nicht so, dass jeder Juror nur eine bestimmte Anzahl an Bewerbungen zulassen kann, da es sonst den Rahmen der Veranstaltung sprengen würde. Eben deswegen stelle ich mir keines vor.
    Schränkt die limitierte Teilnehmerzahl nicht die Bemühungen eines „guten“ Juroren eine faire Auswahl zu treffen ein?
    Hat aber im Gegenzug jeder das Recht teilzunehmen, dann wird es wie bei der Buchmesse Leipzig, wo 400 Bücher in 2 Tagen gelesen werden müssen und deswegen keine anständige Entscheidung zustande kommt.
    Das aber beiseite: Können die Juroren eben behauten was sie wollen und zulassen, was sie wollen. Egal ob Bachmannpreis oder irgendein anderer. Da redet keiner rein. Oder?

    Ich selbst habe gar kein Interesse an solchen Wettbewerben teilzunehmen. Das läuft doch meistens so: Das Buch/Text ist fertig und der Verlag reicht es überall ein. Vielleicht hilft es bei der Werbung für das neue Werk. Ob man gewinnt, ist eigentlich egal, weil man ja sowieso kaum Chancen hat. Der Weg dahin und die Werbung auf dem Weg dahin sind das eigentliche Ziel.

    Was übrigens ihr Kommentar auch zeigt, denn sie haben ja auf ihre Seite verlinkt auf der sie eins ihrer Bücher mit dem Namen „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ verlinken.

  7. Eva Jancak schrieb am 23. Juni 2013 um 21:24 Uhr

    Ja das wäre schade, obwohl ich mir das oben Zitierte auch schon gedacht habe und mich auch noch gut an den Protest der IG Autoren im Jahre 1977 gegen dieses öffentliche Preislesen erinnern kann, jetzt hat sich die Meinung total geändert und ich gebe mir das “Bachmmannkolloquium” zum Sommeranfang auch immer sehr gern, eigentlich könnte es mir also egal sein, ich werde doch nicht lesen, also nicht gewinnen und ob sich jetzt die Lektoren und Vertragsvertreter ein paar schöne Tage mit der Badehose am Wörthersee machen, aber natürlich ist es schade, wenn eingespart wird und natürlich muß man dagegen protestieren und inzwischen beobachten was eilsweil geschieht, wahrscheinlich wird sich das der ORF doch nicht trauen, aber “Rund unm die Burg” was ich mir auch gerne gebe, sollte auch eingespart werden und findet jetzt nach Protest der IG Autoren in verkürzter Form statt, also abwarten und laut schreien, wir lassen uns das nicht gefallen und irgendwie gefällt es mir ja auch ganz gut und ich bin in der ersten Sommerfrischenwoche in Harland an der Traisen, vorher war es noch in Wien, immer sehr beschäftigt

  8. Barbara Rapp schrieb am 24. Juni 2013 um 10:53 Uhr

    Der Bachmann-Preis muss bleiben! Hier geht es zur virtuellen Petition: http://www.facebook.com/events/596184517092663/

  9. Sven schrieb am 24. Juni 2013 um 15:08 Uhr

    immer schön auf die Selfpublisher. manno

  10. Angela Leinen schrieb am 24. Juni 2013 um 15:58 Uhr

    In der Tag, was hat das damit zu tun? “Wegwerftexte” werden gelegentlich auch von großen Verlagen gedruckt, und sicher findet man auch mal Gold außerhalb von Verlagen. Auch wenn pro forma bei der Kandidatur ein Empfehlungsschreiben eines Verlages verlangt wird, haben die Bachmannjuroren durchaus schon unbeschriebene Blätter, äh, Autoren ohne nennenswerte Veröffentlichungen eingeladen.

  11. Eva Jancak schrieb am 24. Juni 2013 um 17:29 Uhr

    Ich denke auch, daß das Bachmannlesen und die Selbstpublisher zwei ganz verschiedene Schuhe sind und möchte mich auch ausdrücklich gegen die Abschaffung des Büchner Preises aussprechen. Ich bin eher für die Gesamtschau und ich interessiere mich auch selwohl für das Bachmannlesen als auch für das Selbermachen, aber natürlich ist es schade, daß da nur vierzehn Autoren lesen dürfen und natürlich werden die ausgewählt, zum Beispiel mit der Verlagsempfehlung, obwohl Catarina Satanik 2009 zum Beispiel noch eine Veröffentlichung hatte, also ist auch das möglich, aber, daß die Bachmannpreistexte oft auf den sogenanten Jurorgeschmack hinkonstruiert werden, ist wohl nicht zu bezweifeln, Kathrin Passing hat das ja, glaube ich, ganz exzellent vorexerziert, also nicht das eine gegen das andere ausspielen und es geht ja eigentlich um etwas ganz anderes, es geht um die Einsparung von Kunst und Kultur, aber wenn ich so das österreiche Radio höre, bin ich eigentlich sicher, daß das nicht durchgehen wird und das darüber reden und in Frage stellen ist wahrscheinlich gerade in Zeiten wie diesen ganz gut. Was kostet das, wer interessiert sich dafür und wie entstehen die Texte, die dann ausgezeichnet werden und wer liest sie später, das ist wahrscheinlich das spannende an der Diskussion und ich nehme ich auch an der Nase, daß das Bachmannlesen seit Jahren für mich ganz selbstverstänlich war und das ist es natürlich nicht, also bin ich gespannt, was da in einer Woche und natürlich auch in einem Jahr passiert.

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  1. Wolfgang Tischer: Der Bachmannpreis bleibt « buchreport.blog verlinkte am 7. Juli 2013 um 15:06 Uhr

    […] wohin ihn Politik und die Bachmann-Juryeingeladen hatten. Über die Zukunft des Preises, dessen Abschaffung er zunächst aus Kostengründen gefordert hatte, äußerte sich Alexander Wrabetz eindeutig und schriftlich: »Der Bachmannpreis bleibt, weil er […]