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Beitrag vom 29. Juni 2015 | Rubrik: Bachmann und Brockmann, Bachmannpreis 2015

Bachmann und Brockmann V – Videoporträts 2015 (3): Drinnen und draußen

Screenshot aus dem Video von Jürg Halter

Screenshot aus dem Video von Jürg Halter

Vom 1. – 5. Juli 2015 finden in Klagenfurt die »39. Tage der deutschsprachi­gen Literatur« statt. Im Mittelpunkt steht der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Vierzehn Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, Öster­reich und Deutschland sind eingeladen, einen Prosatext von zwanzig Minu­ten Lesedauer vorzutragen.

Dass die WettbewerbsteilnehmerInnen sich zu­vor in einem dreiminütigen Videoporträt vorstellen, ist Tradition, wenn­gleich nicht zwingend gefordert. Zwölf TeilnehmerInnen haben ihre visuel­len Visitenkarten abgegeben. Die können bereits online angeschaut werden. Frau Brockmann hat das getan und hier und hier schon darüber berichtet. Die noch fehlenden letzten vier Porträts kommentiert sie nun hier.

Screenshot aus dem Video von Michaela Falkner

Screenshot aus dem Video von Michaela Falkner

Michaela Falkner zeigt sich, ohne sich zu zeigen. Keine laufenden Bilder, kein Interview, kein O-Ton. Die Selbstvorstellung per Video entspricht exakt dem, was als Kurzbiographie auf der Bachmannpreis-Autoren-Seite nachzu­lesen ist – angereichert mit ein paar Standfotos, die uns nach draußen füh­ren. Sie zeigen Steinstufen, Betonwände und einen Rasenplatz: Ein Stadion. Dieses Stadion ähnelt weniger der Schalke-Arena, sondern eher einem Am­phitheater. Ob Frau Falkner den Bachmannpreis-Wettbewerb als eine Art Gladiatorenkampf versteht? Wer in die »Klagenfurter Arena« steigt, muss mit strengen »Schiedsrichtern« und einem ebenso strengen wie auch sensati­onslüsternen Publikum rechnen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Unter­haltsames Hinrichten ist jedoch nicht Ziel der Veranstaltung. Ungerechte Entscheidungen werden im öffentlichen Raum der Wettbewerbsbeobachter erkannt und diskutiert als das, was sie sind. Glückauf, Frau Falkner und Ih­ren MitstreiterInnen.

Screenshot aus dem Video von Saskia Hennig von Lange

Screenshot aus dem Video von Saskia Hennig von Lange

Saskia Hennig von Lange sitzt in einem karg möblierten Raum und schaut nach draußen: ihre Ausgangssituation des Schreibens. An einem leeren Platz vor einem leeren Blatt Papier sitzen und die Leere aushalten. Drinnen sitzen und denken, was draußen ist und geschehen könnte. Dann sehen wir Frau Hennig von Lange mit schnellem Schritt Straßen entlangmarschieren, vorbei an Bahngleisen und durch städtisches Gewerbegebiet. Offenbar geht es nicht um ein Schreiben im Elfenbeinturm der Selbstgenügsamkeit frei flottieren­der Phantasie, sondern um ein Schreiben, das aufgeladen ist mit der Wirk­lichkeit »da draußen«. Was wiederum nicht bedeutet, Erinnerung zu verwal­ten. Im Schreiben entsteht etwas, das über das Wirkliche da draußen hinaus­geht. Schreiben als Insistieren auf einem eigenen Ort der Wahrnehmung, wahr und wirklich und geschützt: »Ich bin hier, keiner kann mich sehen.«

Screenshot aus dem Video von Katerina Poladjan

Screenshot aus dem Video von Katerina Poladjan

Für Katerina Poladjan ist Schreiben Auflehnung gegen das Schicksal, keine private Angelegenheit, vielleicht »eine Art Forschung und ich bin neugierig, was dabei herauskommt. Es ist ein Abenteuer, dass man am Ende anderswo stehen kann als zu Anfang.« Don Quijote, der tapfere Ritter von der trauri­gen Gestalt, galoppiert als Animationsfigur durch das Videoporträt, begleitet von einem ebenso gleichmütigen wie beschwingten »Juppi-du, Juppi-du, Juppi-du, Juppi-du-bi-du, Juppi-du«. Er steht als gebrochene Hoffnungsfigur für das Gute und gegen die Verzweiflung und Resignation. Zugleich werden Fotos aus dem Familienalbum von Frau Poladjan gezeigt und zwei bio­graphische Details mitgeteilt. Erstens: Der Satz der Deutschlehrerin, dass die deutsche Sprache »biegsam« sei, habe die 1979 aus Moskau nach Deutschland gekommenen Autorin »gewissermaßen gerettet«. Zweitens – und nun geht es wieder nach draußen – waren Pilze immer wichtig für Frau Poladjan: »Eines der schönsten Gefühle, die ich kenne, ist im Wald einen di­cken Pilz zu finden.« Ich bin sehr gespannt darauf, ob im Wettbewerbstext der Autorin auch Pilze vorkommen werden.

Screenshot aus dem Video von Jürg Halter

Screenshot aus dem Video von Jürg Halter

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur«. Bis 2013 bloggte und twitterte sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de

Jürg Halter begrüßt uns inmitten grüner Gartenwildnis mit einem »Willkom­men in meinem Innenleben.« Schon ist man alarmiert und denkt »Obacht«, hier ist Ironie am Werk. Und tatsächlich. Gleich kriegt man ein »authentisch, authentisch, authentisch« um die Ohren gehauen und begräbt sogleich alle Hoffnungen auf eine ernstzunehmende Auskunftserteilung. Dann präsentiert Herr Halter ein allerliebst zusammengebasteltes »Apfel«-Schreibgerät. Da möchte man sofort wissen, was für Texte sich auf diese Weise generieren lassen. Doch damit nicht genug, verfügt er auch noch über eine »Gedichtfalle«, in der er Gedichte einfängt. Leider ist gerade keins drin. Trotzdem hätte ich so eine Falle auch gerne. Und schließlich besitzt der vorwiegend als Lyriker hervorgetretene Autor sogar eine »Prosaschere«, ein astscherelgleiches Gartenwerkzeug »für die schönen Sätze«, bei dessen Anblick man sofort Mitleid bekommt mit all den armen Hypotaxen, die im Blätterwald vor sich hin mäandern. Die Muse von Herrn Halter finde ich perönlich sehr holzschnittartig reduziert und, ehrlich gesagt, nicht schön. (Sind Musen nicht immer wunderschön?) Für Klagenfurt sollte sie sich schon noch etwas aufbrezeln.

Doris Brockmann

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