Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 25. Juni 2015 | Rubrik: Bachmann und Brockmann, Bachmannpreis 2015

Bachmann und Brockmann IV – Videoporträts 2015 (2): Maskiert und unmas­kiert

Screenshot aus dem Video von Monique Schwitter

Screenshot aus dem Video von Monique Schwitter

In einer Woche beginnt der Wettbewerb um den Bachmannpreis 2015. Wer nach Klagenfurt reisen möchte und angesichts des eigenartigen Sommerwet­ters nun ratlos vor Koffer und Kleiderschrank sitzt, denen kann dies weiterhelfen.

Wer etwas über das Selbstverständnis der WettbewerbskandidatInnen erfah­ren möchte und nun ratlos vor den Videoporträts sitzt, jedoch Zeit und Mühe scheut, immer wieder vorzuspulen oder an schlecht verständlichen Worten herumzurät­seln, denen kann Frau Brockmann helfen. Wie schon bei der ers­ten Sichtung beschreibt sie, was sie in den Clips gesehen oder gehört hat, transkribiert Originalzitate und ist mitunter ebenfalls ratlos, weil auch sie nicht alles versteht.

Die Videoporträts von Valerie Fritsch, Teresa Präauer und Monique Schwitter unterlaufen die Erwartungshaltungen, die man sich als Bachmannpreis-Fan beim alljährlichen Betrachten der AutorInnenvideos aufgebaut hat. Skript und dessen professionelle Umsetzung heben sich vom Gros der Filmeinspielungen früherer Klagenfurt-Jahrgänge ab.

Screenshot aus dem Video von Valerie Fritsch

Screenshot aus dem Video von Valerie Fritsch

Valerie Fritsch präsentiert eine Tafelrunde im sommerlichen Garten. Durch die lange Totaleinstellung mutet das Ganze wie ein Stillleben an. »Landlust« lässt nicht grüßen, dafür ratscht die barocke Üppigkeit hier viel zu sehr am Morbiden vorbei. Fliegen krabbeln übers kunstvoll arrangierte Essen, po­madige Sonnenbrillenträger grinsen feist, eine dicke nackte Frau steht wie ausgestellt vor den Gästen und spielt Geige. Man fühlt sich an Filme von Peter Greenaway erinnert und vermisst sogleich die begnadete Musik von Michael Nyman. Die Darsteller muten an wie ein »we are Fritsch family« über vier Generationen. Im Mittelpunkt stehen: ein kleiner Junge, ein zum Himmel betender Großvater in der Position eines gealterten Letztes-Abendmahl-Jesus´, sowie die Autorin und zwar in doppelter Maskierung: Sie trägt eine pinkfarbene Pulp-Fiction-Perücke und erhebt ein Weinglas, gefüllt mit Milch. In Wirklichkeit trägt Frau Fritsch langes blondes Haar und bevorzugt Schnäpse. Aber was heißt schon Wirklichkeit? Haben wir es bei den gezeigten Filmbildern doch mit Bildern »Im Kopf von Valerie Fritsch« zu tun, sofern wir dem Abspann glauben dürfen.

Screenshot aus dem Video von Teresa Präauer

Screenshot aus dem Video von Teresa Präauer

Teresa Präauer betritt eine kleine Guckkasten-Bühne und hip hopst zu Jungle-Sound-Beats durch den Raum. Fettgoldene Grills auf den Zähnen gibt sie in Gestik und Mimik ein rappendes Alphamännchen, das von gezeichneten Affenanimationen umsaust wird. Nach dem Zug aus einer dicken Zigarre in Gestalt einer Plastikbanane geht es mit der Maskerade weiter. Frau Präauer setzt sich eine schwarze Perücke auf, die man drehen kann, und schwupp, hat man eine Affenmaske vor den Augen. Interessanterweise trägt der Videoclip den Titel »On writing«. Neben der amüsanten Tanzvorführung gibt es auch noch etwas zu lesen über das Schreiben. Die eingeblendeten Lyrics lauten: »Hey, bin am Schreiben / meine Finger klicken / und knacken zu meinem Heartbeat./ Hey, kann meine Hand nicht stoppen / schwarz auf weiß / und schreibend in den Straßen. / Hey, wegen Dir ist alles / Rot und Gelb und Blau./ Hey, küss meine Lippen, / was sie sagen ist: Lies, lies, lies, lies, lies.« Lassen wir mal die möglichen feministischen Implikationen der Performance beiseite, bleibt festzustellen: Präauers »writing« hat mit Rhythmus zu tun, mit Verkleidung, Komik und Mut, und ja, immer auch mit den gefiederten Freunden der Lüfte.

Screenshot aus dem Video von Monique Schwitter

Screenshot aus dem Video von Monique Schwitter

Monique Schwitter durchstreift in ihrem latent stummfilmartig wirkenden Videoporträt einen Wald. Theaterkostümiert als Jägerin singt sie ein altenglisches Lied über einen Kuckuck. Obwohl. Dem Aussehen nach handelt es sich wohl um Playback. Es wäre Frau Schwitter aber ohne Weiteres zuzutrauen, dass sie hier selbst singt. Immerhin ist sie nicht nur als Schriftstellerin, Schauspielerin und Veranstalterin literarischer Salons, sondern auch als Bluessängerin in Erscheinung getreten. Cuckoo! Während die Jägerin fröhlich (play-back) singend auf Pirsch geht, wird sie von ausgestopften kleinen Tieren des Waldes beobachtet. Frau Schwitter zielt mit dem Gewehr auf etwas, es fällt ein Schuss und – Cuckoo! – findet sie sich in einem Naturkunde-Museum wieder, wo sie dieselben ausgestopften Tiere unverändert beobachten. Ob die verschmitzt in die Kamera schauende Autorin mit der gelassenen Einstellung des »Weiß/Hol´s der Kuckuck« zum Bewerb nach Klagenfurt reist, geht aus der Präsentation nicht hervor. Gelassenheit als Grundbefindlichkeit möchte man ihr und allen anderen KandidatInnen um den Bachmannpreis sofort von Herzen wünschen. Cuckoo!

 

Screenshot aus dem Video von Nora Gomringer

Screenshot aus dem Video von Nora Gomringer

Nora Gomringer bei der Arbeit. Unverstellt. Keine Masken. Keine verrätselte Inszenierung. Einfach mal eben so. – Ach ja, dieses Video für Klagenfurt, gut, kommen Sie einfach vorbei, und dann machen wir das schnell, wird uns schon was einfallen. – So in etwa könnte die Planung für das geforderte Porträt gelaufen sein. Und dann nimmt Frau Gomringer die Fernsehleute einfach mit zu ihren Proben für das Internationale Literaturfest »Poetry on the Road«, sagt, sie stehe früh auf, was angesichts ihrer diversen beruflichen Tätigkeiten – u. a. leitet sie das Internationale Künstlerhaus »Villa Concordia« in Bamberg – von Vorteil sei, macht einen Soundcheck, beklopft ihre Wangen – wir immer mit »on the road« – , sagt, die Stofflichkeit des Stoffes gebe ihr vor, ob der zu schreibende Text »Dichtung oder Erzählung« werde, rollt mit den Augen, plumpst in einen Sessel, spricht über ihre »persönliche Vorliebe für das Sich-Gruseln« und wie wichtig es für sie sei, einem Text durch den Vortrag, »die Melodie zu geben, die er mal hatte, als ich ihn innerlich sang.« Hui, so viel Power, Freundlichkeit und Lebenslust. Wir dürfen auf Frau Gomringers Lese-Performance gespannt sein.

Screenshot aus dem Video von Tim Krohn

Screenshot aus dem Video von Tim Krohn

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur«. Bis 2013 bloggte und twitterte sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de

Auch Tim Krohn verzichtet auf Verkleidung und gibt im Interview freimütig über sich Auskunft. Schwerpunktmäßig geht es in diesem Porträt weniger um den Arbeits- sondern mehr um den Lebensalltag von Herrn Krohn. Der schuckelt sein kleines Kind auf dem Schoß, fährt Auto, schiebt eine Schubkarre, bläst in ein Bambusrohr, namens Shakuhachi, tippt auf einer Computer-Tastatur oder sitzt im Garten vor dem alten Graubündner Haus in Val Müstair, das er vor einem Jahr gekauft hat und für sich uns seine Familie restauriert. Zwischendurch erzählt er, wie befreiend der Weggang aus Zürich war: »In der Stadt denkt man immer, man muss Kunst machen, alles ist so wichtig, man muss sich profilieren.« Auf dem Land und durch die praktische Arbeit relativiere sich das: »Die Arbeit wird nebensächlicher auf der einen Seite, aber auch wichtiger. Sie ist Mittel zum Zweck. Das entspannt unglaublich. Es fällt mir viel leichter zu schreiben.« Wir freuen uns auf einen schönen entspannten Text!

Doris Brockmann

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *