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Beitrag vom 23. Juni 2015 | Rubrik: Bachmann und Brockmann, Bachmannpreis 2015

Bachmann und Brockmann III – Videoporträts 2015 (1): Heimliches Beobachten

Screenshot aus dem Video von Dana Grigorcea

Screenshot aus dem Video von Dana Grigorcea

Gut eine Woche vor Beginn der »39. Tage der deutschsprachigen Literatur« (#TDDL) sind am 22. Juni die Videoporträts der Autorinnen und Autoren online gestellt worden, die in diesem Jahr in Klagenfurt lesen werden. Bis auf Ronja von Rönne und Peter Truschner haben alle KandidatInnen ge­liefert. Ob die beiden in Berlin lebenden Autoren noch eine visuelle Visiten­karte nachreichen werden, ist nicht bekannt. Wenden wir uns einstweilen dem zu, was bekannt ist.

Lässt man die AutorInnen-Porträts in einem Rutsch Revue passieren, fällt – zumal im Vergleich zu früheren Bachmannpreis-Jahrgängen – Folgendes auf: Niemand geht durch Berlin, zeigt sich am Schreibtisch, spricht über li­terarische Vorbilder, fährt auf Rolltreppen oder lässt Manuskriptseiten flie­gen. Ein Großteil der Videoclips ist konzeptionell und filmtechnisch sehr ambitioniert, was seinen Grund darin haben könnte, dass einige der Wettbe­werbsteilnehmerInnen nicht nur aus der schreibenden Zunft, sondern auch aus anderen Kunstbereichen – Fotografie, Schauspiel, Malerei – kommen. Des Weiteren ist festzustellen, dass die Aufgabe, sich selbst vorzustellen, meistenteils nicht bierernst angegangen wurde. Die Präsentationen sind weitgehend ironisch gebrochen, ohne klamaukig zu sein.

Screenshot aus dem Video von Anna Baar

Screenshot aus dem Video von Anna Baar

Anna Baar hebt darauf ab, dass sie ein „Mutterland“ (die kroatische Insel Brač, auf der sie sich jenseits von Urlaubskatalogsimpressionen hat filmen lassen) und ein „Vaterland“ (Wien, Kärnten) hat. Zweisprachig und in zwei Heimaten aufgewachsen, ist ihr zum einen die Erfahrung vertraut, dass wenn in der einen Sprache ein Wort fehlt, es die andere bereithält. Zum an­deren ist ihr die Erfahrung der „doppelten Heimat“ immer auch eine Erfah­rung des „doppelten Fremdseins“, ein Problem der Zugehörigkeit, das sie letztlich auf die Rolle des Zaungastes verweist: „Aber ich bin lieber Zaun­gast, vom Zaun aus sieht man immer gut.“ Als Schreibmaxime mag hier gel­ten: „Menschen interessieren mich am meisten, wenn sie sich unbeobachtet glauben, wenn sie das tun, was man eigentlich nur heimlich tut, wenn man es überhaupt tut.“ Huuh, möchte man meinen und sich wundern, will aber zugunsten der Autorin erstmal nicht vom Schlimmsten ausgehen.

Screenshot aus dem Video von Sven Recker

Screenshot aus dem Video von Sven Recker

Voyerismus bis hin zum Stalking könnte man auch Sven Recker als Schreib­maxime unterstellen. Sein Videoclip zeigt eine dürftig ausgeleuchtete Nachtfahrt entlang von Häuserblocks. Die Kamera fängt von Ferne Zimmer ein, in denen noch Licht brennt. Nichts Genaues erkennt man, denkt aber stets: Hoffentlich fährt vor meinem Fenster nicht so ein Beobachter rum, vielleicht sollte ich besser die Rolladen runterlassen. Schemenhaft sind ein­zelne Personen in den von Gelsenkirchenerbarockwohnzimmerlampen er­leuchteten Räumen sichtbar. Ob da jetzt gleich irgendwo ein Mord passiert? Klar erkennbar ist lediglich ein Raum, in dem Schaufenster- bzw. Perücken­köpfe in einem Regal aufgereiht sind. Was will uns das sagen?

Screenshot aus dem Video von Dana Grigorcea

Screenshot aus dem Video von Dana Grigorcea

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur«. Bis 2013 bloggte und twitterte sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de

Dana Grigorcea stellt sich als leidenschaftliche Spaziergängerin vor. Die in Bukarest geborene Autorin bewegt sich in ihrer jetzigen Heimatstadt Zürich am liebsten zu Fuß. „Spazierend komme ich oft an Orte in der Stadt, die menschenleer sind. Und dann kommt mir das Spazierengehen wie etwas Schändliches vor. Man hat die Tür zum verbotenen Zimmer aufgestoßen. … Sobald diese Orte, die ich mit meinen Gedanken bespielt habe, wieder be­lebt sind, fühle ich mich wie eine Art Gastgeberin.“ Wie sich das Ganze auf das Schreiben von Frau Grigorcea auswirkt, wird sich auf ihrer Lesung zeigen. In der nächsten Folge unserer Videoporträt-Betrachtungen werden wir uns anschauen, was neben heimlichen und verbotenen Blicken auf möglicher­weise Heimliches und Verbotenes sonst noch als Agens des Schreibens ins Feld geführt wird von den TeilnehmerInnen am diesjährigen Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmannpreis.

Doris Brockmann

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