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Bachmann und Brockmann III: KandidatInnen im Videocheck (2)

Screenshot aus dem Video von Gertraud Klemm

Screenshot aus dem Video von Gertraud Klemm

Sie geben Auskunft über ihren Lebens- und Schreiballtag, ihre Herkunft, Ziele und Ansprüche, ihr Selbst- und Literaturver­ständnis. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten präsentieren die KandidatInnen für den Bachmannpreis ihre Antworten in dreiminütigen Filmporträts.

Wer einen Überblick bekommen und wissen möchte, was man darin erfährt, aber Zeit und Mühe scheut, immer wieder vorzuspulen oder an schlecht verständlichen Worten herumzurät­seln: Frau Brockmann hilft! Nach dem ersten Check [1] lässt sie nun einen zweiten folgen, betrachtet, fasst zusammen und transkribiert Originalzitate.

Katharina Gericke

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur [2]«. Bis 2013 bloggte und twitterte [3] sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de [4]

Wieder spazieren zwei Damenpumps in Nahaufnahme über die Straße. Diesmal gehören sie jedoch nicht der Autorin. Katharina Gericke [5] bevorzugt bodensicheres Schuhwerk. In robusten Lederstiefeln marschiert sie durch Moabit, in Turnschuhen empfängt sie das Kamerateam während einer Theaterprobe. Die findet in einem ehemaligen Werksgebäude statt, das gerade frisch renoviert wird. Hier will Frau Gericke „einen Raum für Kultur schaffen, für Musiker, Schauspieler und Künstler.“ Kraftvoll, unprätentiös und unternehmungslustig erzählt Frau Gericke von der Idee, den bislang noch nicht als Szene-Kiez eroberten Berliner Stadtteil Moabit „mit Kultur (zu) beleben.“ Die in der Hauptsache Bühnenstücke schreibende Autorin, der in der DDR das Studium der Theaterwissenschaft verwehrt wurde, hat nach der Wende 1989 szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin studiert. Neben ihren Arbeiten für die Bühne schreibt Frau Gericke Kurzgeschichten. Das empfindet sie als „Urlaub von der Dramatik“, „immer so ein bisschen wie Erholung.“

Da denkt man, der Preis der Automatischen Literaturkritik [6] sei inzwischen hinlänglich bekannt und es also für die Autorinnen und Autoren ein Leichtes, in ihrer Vorstellung gut Punkte zu machen, um sich diesen Preis schon mal zu sichern. Und dann passieren doch noch solche Schnitzer wie „Hand im Gesicht“ beim Autorenfoto, für den Frau Gericke einen glatten Minuspunkt erhält. Schade.

Anne-Kathrin Heier

Anne-Kathrin Heier [7] scheint den Kriterienkatalog der Automatischen Literaturkritik besser studiert zu haben. Sie kassiert schon mal den Pluspunkt „Autos nehmen eine wichtige, positive Rolle im Autorenporträt ein“. Im Videoclip von Frau Heier fährt ein Mann in einem alten roten Auto durch eine schlecht beleuchtete Nacht und sammelt Lichtquadrate ein. Zwischendurch wird gezeigt, wie diese alle nebeneinander in einer Reihe liegen und eine Frau (die Autorin?) Gegenstände darauf verteilt, wie z.B. einen MP3-Player oder Schreibutensilien. Auch erscheint John Cages „Empty Mind“ [8] kurz im Bild. Frau Heier sagt im Film kein Wort. Im Hintergrund läuft ein Lied – sehr schön, aber nicht googelbar, mir jedenfalls ist es nicht gelungen. Dabei dünkt mich, der Liedtext könnte eine Steilvorlage sein, um zum Literaturverständnis von Frau Heier zu gelangen. So bleibt alles erstmal geheimnisvoll verrätselt, im (buchstäblich) Dunklen, mehrdeutig, verschwiegen, anregend – so wie gute Literatur sein sollte.

Gertraud Klemm

Gertraud Klemm [9] ist studierte Biologin und hat als „hygienische Gutachterin“ die Wasserqualität in Wien geprüft, bevor sie sich für die Tätigkeit als freie Autorin und Schreibpädagogin entschied. Im früheren Beruf sei sie eine stabilere Person gewesen, weil sie da Gesetzmäßigkeiten, Richtwerte, Grenzwerte und Texte mit vorgefertigten Bausteinen gehabt habe, es sei einfach gewesen, damit zu arbeiten, aber nicht erfüllend. Von zentraler Bedeutung ist für Frau Klemm die literarische Auseinandersetzung mit der Frage nach der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. „Alles Politische beginnt im Privaten!“ Frau Klemm ist davon überzeugt, dass (fast) alle Probleme in der Gesellschaft oder auch global immer wieder auf Familien­situationen zurückführbar seien. Auf die Frage, was sie zum Schreiben dränge, gibt sie zwei Antworten: die Sprache und die Unzufriedenheit. Zu diesem Porträt steht seitens der automatischen Literaturkritik auf jeden Fall der Pluspunkt ins Haus: “Autor hat sich offenbar tatsächlich zu Hause filmen lassen.“

Karen Köhler

Für die Hamburgerin Karen Köhler [10] scheint alles Sehnen und Schreiben auf die Raumfahrt hinauszulaufen. Sie wollte Kosmonautin werden, ihr im Herbst erscheinender Erzählband trägt den Titel „Wir haben Raketen geangelt“ [11] und im Videoporträt werden uns NASA-Aufzeichnungen aus dem Apollo-Raumfahrt-Programm gezeigt (I saw Neil Armstrong). Aus dem Off hören wir eine weibliche Stimme – ich tippe mal, es ist die der Autorin –, die uns nun nicht noch mal sprachlich verdoppelt, was wir hier gerade sehen, sondern etwas über die menschliche Existenz zwischen Geburt und Tod erzählt, z. B. dass man ungefragt in diese Welt hineingeboren werde, nicht wisse, wie lange man lebe, Geboren-Werden auch Sterben-Müssen bedeute, usw. Das tönt arg nach Besinnungstext für eine Kirchentagsveranstaltung, wäre da nicht auch noch die Rede vom Menschen als der „vierdimensionalen Lebenswurst“. Eine Metapher für das Raum-Zeit-Kontinuum zwischen Tod und Geburt und inklusive unseres Unvermögens, ständig den existentiellen Ernstfall zu denken, sondern stattdessen „immer nur das (sehen), was uns jetzt umgibt“, m. a. W., „wir sehen immer nur die einzelne Scheibe.“ Die Kräfte, die wir dem Memento mori entgegensetzen können, sind: „Liebe, Empathie, Humor, Intelligenz, Gestaltungswille.“ Wieviel Humor ist bei diesem Videoclip im Spiel?

Doris Brockmann