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Bachmann und Brockmann I: Die KandidatInnenstatistik 2014

Die KandidatInnen des Bachmannpreise 2014 in Zahlen

Die Bachmannpreis-Jury hat entschieden. Die TeilnehmerInnen für die Endrunde von GNTA (German-speaking Next Top Author) ste­hen fest. Jedes Jury-Mitglied durfte (wie immer) zwei BewerberIn­nen einladen: macht bei sieben Mitgliedern vierzehn Eingeladene.

Doris Brockmann wirft einen Blick auf die Klagenfurter KandidatInnenliste – aber erstmal ganz unpersönlich. Das heißt, sie bleibt bei den Zah­len und noelle-neumannt wie bereits im letzten Jahr [1] drauf los.

Doris Brockmann (Foto:privat)Doris Brockmann
ist (bzw. war) passionierte Fernsehstudentin der »Tage der deutschsprachigen Literatur [2]«. Bis 2013 bloggte und twitterte [3] sie über den Bachmannpreis immer im angenehm kühlen Arbeitszimmer, 2014 war sie erstmals live im aufgeheizten Klagenfurt dabei, um sich mal alles vor Ort anzuschauen. 2017 wird sie zum vierten Mal nach Kärnten reisen. Ansonsten widmet sie sich der angewandten Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung auf
walk-the-lines.de [4]

Pünktlich zum Beginn des Wettbewerbs um den Ingeborg-Bachmannpreis 2013 verkündete der ORF das zukünftige Ende [5] der traditionsreichen »Tage der deutschsprachigen Literatur (TDDL)«. Der Protest vor Ort, aber auch bei den Menschen draußen im Lande an den Geräten, war so gewaltig, dass der ORF am Ende des Wettbewerbs 2013 die Fortsetzung [6] der TDDL verkündete.

Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen. Der 38. Bachmann-Preis-Wettbewerb steht vor der Tür. Vom 2. bis 6. Juli wird Klagenfurt wieder zum Mittelpunkt der deutschsprachigen Literaturwelt [7]. Im Zentrum stehen die vierzehn KandidatInnen, die von der siebenköpfigen Jury ausgewählt worden sind. Wer es in die Endrunde von GNTA (German-speaking Next Top Author) geschafft hat, wurde vor zwei Tagen bekannt gegeben [7]. Wir schauen uns die TeilnehmerInnenliste [8] an und sortieren, wie gewohnt im ersten Überblick ganz unpersönlich, die Fakten mithilfe kleiner Rechenaufgaben.

Geschlechtsspezifisch

steht es erneut 8:6 für die Frauen.  Der bis dahin beobachtete kontinuierliche Aufwärtstrend der Autorinnen macht ein Päuschen. 2010 nahmen 5 Schriftstellerinnen teil, 2011 erhöhte sich die Zahl auf 6, 2012 war Gleichstand erreicht und im letzten Jahr gingen die Frauen in Führung. Diese Position haben sie 2014 behauptet. Ein schöner Erfolg. Sollte der Aufwärtstrend weiter anhalten, stünde uns im Jahr 2020 ein reiner Literatinnenwettbe­werb ins Haus – vorausgesetzt, die Männer setzen zwischenzeitlich nicht noch eine Quotenrege­lung durch.

Länderspezifisch

sind zwei Tatsachen bemerkenswert:

  1. Die EidgenossInnen sind wieder an Bord! Nachdem wir im vergangenen Jahr erstmals seit Bestehen des Wettbewerbs auf Texte aus der Schweiz verzichten [9] mussten, sind diesmal ein Kandidat aus Bern und eine Kandidatin aus Celerina eingeladen. Grüezi mitenand!
  2. Felix Austria! Hat es das schon einmal gegeben: 5,5 eingeladene AutorInnen aus Österreich? Nicht die 0,5 ist das Verblüffende, sondern die 5 vor dem Komma. Bislang war die Gruppe der deutschen AutorInnen immer die zahlenmäßig größte Gruppe. Im letzten Jahr hatte sie mit 11 TeilnehmerInnen fast schon die bedenkliche Marke zur Monopolstellung überschritten. Dem ist heuer ein österreichischer Riegel vorgeschoben worden. Hätte der aus Deutschland gebürtige, in Wien lebende Kandidat auf die Nennung zweier Nationalitäten (A/D) verzichtet und sich für seinen Lebensstandort entschieden, dann geisterte jetzt nicht nur nicht dieses 0,5 durch die Zeilen, sondern wir könnten ein für die TDDL ganz ungewöhnliches 6:6 für die deutschen und österreichischen AutorInnen ausrufen. Und als wäre das nicht schon genug der Neuerungen (gar Verbesserungen?), fällt gleich noch etwas anderes Bemerkenswertes auf: Die meisten TeilnehmerInnen aus Österreich kommen aus Graz. Was ist da los? Ist Graz vielleicht das neue Berlin? Wir müssen das im Blick behalten.

Altersspezifisch

ist zu vermelden, dass in diesem Jahr das Gesamtalter der eingeladenen FinalistInnen 578 Jahre beträgt. Daraus ergibt sich ein Pro-Kopf-Durchschnittsalter von 41,28 Jahren. Bei der Errechnung habe ich die Geburtsmonate der KandidatInnen nicht berücksichtigt. D. h., alle, die erst nach dem 2. Juli Geburtstag haben, mussten hier der Einfachheit halber ein wenig älter gemacht werden. Da ich bei den vorherigen Bachmannpreis-Jahrgängen in derselben Weise verfah­ren bin, bleibt sich das im Verhältnis gleich.

2014/578 Jahre/41,2//2013/536 Jahre/38,3//2012/539 Jahre/38,5//2011/521 Jahre/37,2//2010/500 Jahre/35,7

Tendenz nach oben: Die Grafik zeigt auf der x-Achse das Gesamtalter aller TeilnehmerInnen nach Jahren und auf der y-Achse das jeweilige Durchschnittsalter.

Die Zahlen sprechen für sich und im Sinne des allgemeinen demographischen Wandels. Ist das ein Grund, von einer Überalterung der neuen deutschsprachigen Literatur zu sprechen, sie gar zu beklagen? Wohl könnte man überlegen: What´s about the youngsters? Trauen sie sich nicht? Haben sie keine Lust auf diese Veranstaltung? Sind sie aus Sicht der Jury nicht gut genug? Bei früheren Bachmannpreis-Jahrgängen bin ich wie oft zusammengezuckt, wenn ich das Geburtsjahr der Autoren und Autorinnen erfuhr: Was? So jung und schon so gut? Im Jahrgang 2014 sind keine Twentysomethings vertreten. Der jüngste Kandidat ist 30 Jahre alt, die älteste Kandidatin wurde 1959 geboren. Dass Jahr für Jahr im Durchschnitt immer mehr ältere SchriftstellerInnen zur Wettbewerbsteilnahme eingeladen werden, ist mir persönlich sehr sympathisch – je älter ich werde. Gleichwohl bleibt zu fragen, warum die Youngsters weniger werden am Wörthersee. Auch das werden wir im Blick behalten.

Eine kleine Vermutung sei hier schon angemerkt: Nicht selten kamen die einst in Klagenfurt hoch gepriesenen NachwuchsautorInnen von den akademischen »Schreibschulen« (z. B. in Leipzig, Hildesheim, Biel). In den letzten Jahren schien sich der Sympathiewind zu drehen. Immer häufiger mussten sich die Absolventinnen und Absolventen der Literaturinstitute anhören, ihre Texte seien perfekt gearbeitet, aber ohne Esprit, Dringlichkeit und entbehrten persönlicher Eigenheit. Der Hinweis »studierte kreatives Schreiben in …« wurde zum Makel. Da scheint es verständlich, wenn einige der jüngeren »Schreibstudierenden« sich gar nicht erst für Klagenfurt bewerben.

Im Jahrgang 2014 verhält es sich übrigens folgendermaßen: Vier TeilnehmerInnen haben eine akademische »Schreibausbildung« absolviert – drei von ihnen geben das in ihrer biographischen Skizze an, eine nicht. Ob es wohl noch einige andere gibt, die das lieber unerwähnt sein lassen wollen? »Kommen Sie, Dr. Watson, wir haben zu tun!«

In den nächsten »Bachmannpreis-Folgen« werden wir uns genauer mit den gewählten Kandidaten und Kandidatinnen beschäftigen – aber keine Angst: Es wird nicht privatdetektivisch observiert oder gar gestalkt.

Doris Brockmann

Dieser Beitrag erschien zunächst auf walk-the-lines.de [10]