- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Autors Abschied von Amazon: Bye-bye, Mr. Bezos!

»Sechs«-Schriftzug des Romans von Niels GerhardtOhne Amazon und den Kindle wäre Selfpublishing nie so populär geworden wie derzeit. Sein eigenes Buch kann man über Nacht in der weltweit größten Internetbuchhandlung anbieten und erhält bis zu 70% an Autorenhonorar [1]. Ein Traum für Autoren!

Doch wer sich allein von Amazon abhängig macht, der ist dem Konzern mehr oder weniger ausgeliefert. Die Regeln bestimmt nicht mehr der Autor.

Niels Gerhardt ärgert eine ganz bestimmte Kundenrezension zu seinem Roman »Sechs« – und die war eigentlich nicht mal negativ.

Der Autor schildert den Sachverhalt in einem offenen Brief an den Amazon-Chef Jeff Bezos. Denn manches muss man zur Chefsache machen.

Dear Mr. Bezos!

Zunächst möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen! Dank dafür, dass ich durchaus eine Weile an Ihnen und der von Ihnen geschaffenen Plattform »Kindle« partizipieren konnte [2]. Niemals zuvor war es für unbekannte Autoren so leicht zu publizieren – mit all seinen Vor- und Nachteilen. Nie war es für einen Indie-Autor so leicht, ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, geliebt oder auch gehasst zu werden. Und, ja, das Geliebtsein (und auch Gehasstsein) kam auch mir zugute – völlig überraschend, wie ich anfügen möchte (… also das Geliebtsein … oder beides).

Der Roman »Sechs« bei Amazon [3]Mehrere Monate war ich mit meinem Roman SECHS [4] in den Beststeller-Rankings oben, mehrere Wochen in zwei Kategorien sogar auf Platz 1. Das Fernsehen kam vorbei, und natürlich hatte das alles in der Konsequenz gewisse »monetäre Annehmlichkeiten [5]« zufolge. Dass das nun nicht mehr so ist, scheint mir vollkommen natürlich und ist nichts, weswegen ich mich ernsthaft gräme.

Schließlich schreibe ich ja schon an zwei weiteren Romanen und wollte diese natürlich auch auf Ihrer geschätzten Plattform veröffentlichen … wenn da, ja wenn da nicht ein klitzekleines »Problemchen« wäre. Und das heißt: »Ihre Einstellungen zu den Autoren«. Das scheint mir dann doch nicht so – wie soll man sagen – »von dem Drang beseelt sie zu schützen«. Ja … das klingt irgendwie gut, wenn auch zugegebenermaßen etwas umständlich.

Vielleicht ahnen Sie es schon, lieber Mr. Bezos. Es geht mal wieder um Rezensionen und Ihren Umgang damit. Da hat doch ein Leser eine gar nicht mal so schlechte Rezension angefertigt. Wirklich. Drei Sterne und – man höre und staune – sagte er doch Eingangs der Rezension, dass das besser gewesen wäre als alles, was er vom Fitzek jemals gelesen habe, und er bis fünf Minuten vor dem Ende des Romans glaubte, dass der schon einpacken könne … wenn da eben nicht das Ende gewesen wäre. Gut. Das habe ich schon öfter gehört. Ist ja auch okay. Manche mögen es, manche nicht.

Das Problem besteht vielmehr darin, dass der Rezensent dem Irrglauben anheimfällt, dass er zukünftige Leser recht detailliert über eben jenes Ende informieren müsse. Und »recht detailliert« meint: Er verrät alles.

Ja, lieber Mr. Bezos! Da staunen Sie! Das ist ein Ding, oder? Der macht uns beiden doch damit das ganze Geschäft kaputt! Auch wenn ich nicht mehr so rentabel für Sie bin, macht Kleinvieh aber doch auch Mist? Hat jedenfalls meine Omma – Gott hab’ sie selig – immer gesagt.

Und weil in Ihren Rezensionsrichtlinien steht, dass Rezensionen dann entfernt werden können, wenn der Rezensent das Ende verrät, dacht’ ich mir, schreib’ ich Sie mal an und bitte Sie darum, das Ding zu entfernen. Hamse aber nicht. Noch dazu hat mir erst eine Tina und dann eine Monica geantwortet. Sie machen das also nicht selbst. Gut. Kann ich auch verstehen.

Jedenfalls hat mir Ihre Tina geschrieben, dass die Rezension keinen Verstoß gegen die Amazon-Richtlinien darstelle. Und im Absatz darunter bedauert Ihre Tina, dass … ach ich zitiere mal, ja?

»Natürlich können wir nachvollziehen, dass eine Auflösung Ihrer Buchreihe negative Auswirkungen haben könnte.
Die Richtlinien, die Sie auf Amazon.de finden dienen allerdings als Maßstab zum Verfassen einer guten Rezension und wirken somit nicht als eine grundsätzliche Regelung.«

Ach so ist das … die Richtlinien gibt es also nur, damit der Rezensent weiß, dass sich das Verraten nicht gehört und keine gute Rezension wäre? Aber warum steht denn dann da, dass genau das dazu führen kann, dass eine Rezension entfernt werden kann. Also, lieber Jeff (wir können uns doch duzen, oder?), ich verstehe das nicht.

Aber genau deswegen habe ich der Tina dann noch eine Mail geschrieben, in der ich sie darauf hinwies, dass sie doch zugegeben hat, dass der Rezensent alles verrät und in den Richtlinien doch steht, dass … geantwortet hat mir dann Deine Monica (also nicht die vom Bill). Monica hat gesagt, dass es dabei bliebe und aus.

So, lieber Jeff. Watt nu? Das muss ich als Autor wohl schlucken, was? Denn, ich zitiere mich mal selbst:

»Niemals zuvor war es für unbekannte Autoren so leicht zu publizieren – mit all seinen Vor- und Nachteilen. Nie war es für einen Indie-Autor so leicht ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, geliebt oder auch gehasst zu werden.«

Mit anderen Worten: Wenn ich in Zukunft Leute erreichen will und was verdienen, dann muss ich das wohl schlucken?

Lieber Jeff. Ne. Nö. Niet. No. Lo. Muss ich nicht. Deswegen werden sich unsere Wege wohl trennen. Denn so angenehm das war, mit der Kohle, dem Fernsehen und all dem Pipapo, mag ich mich Dir, Deinen Monicas und Tinas dann doch nicht ausliefern.

Ich hol’ dann mal in den nächsten Tagen SECHS aus Deinem virtuellen Regal. Leg’ es vielleicht schon mal bereit.

Dein (ehemaliger) Autor
Niels [6]

Nachtrag: Niels Gerhardt schreibt zwei Tage später in einem Kommentar [7]:

Der Brief hat dazu geführt, dass Amazon sich noch einmal mit dem Fall befasst hat. Ich habe das Ding spaßeshalber nämlich an Amazons Tina geschickt. Die Antwort war lustig: Mr. Bezos habe den Brief erhalten (was natürlich Unsinn ist) und man habe die Order, sich damit zu befassen – so die Antwort von einer Linda. Man hat dann auch eingesehen, dass meine Kritik berechtigt war. Kurz: Die Rezension wurde entfernt.