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»Auf einen Zuschussverlag reinfallen? Mir würde so etwas nie zustoßen!«

Zuschussverlag - Ein fiktiver Screenshot mit erfundenen VersprechenMir nicht. Mir würde so etwas nie zustoßen, redete ich mir jahrelang ein. Ich hatte doch so viel Erfahrung mit Klein- und Großkriminellen gemacht, rein beruflich natürlich, bin auf der Seite der Guten. Oft genug schüttelte ich mit dem Kopf, wenn wieder einmal vor Enkeltrickbetrügern gewarnt wurde und die Geschädigten mich verzweifelt anlächelten, in der Hoffnung, ich könnte ihr Geld wieder herzaubern. Manchmal gelang es mir auch.

Ich könnte nun genug gute Gründe aufführen, wieso ich einem Zuschussverlag [1] auf den Leim gegangen bin. Dass mein Partner die Kinder und mich aus dem gemeinsamen Haus gewaltsam rausgetrieben hatte, dass er den Unterhalt kappte usw., oder dass der Zuschussverlag einen wohlklingenden Namen eines der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands hat. All das sind sehr gute Gründe, wieso ich mich auf so einen Verlag einließ.

Und dann war da noch etwas, was meine Entscheidung erleichterte; ich wollte schreiben und veröffentlicht werden. Ja, so schnell es ging und nur dieser Verlag gab mir eine Chance. Vergessen meine berufliche Erfahrung, meine innere Stimme, die ganz laut rief, mich anbrüllte es nicht zu tun. Ich tat es, nicht wegen des Berühmtwerdens, naiverweise glaubte ich wirklich [2], den Lesern Freude ins Herz zu bringen, ihnen in schwierigen Augenblicken es leichter zu machen. Dumm, dumm, sehr dumm. Das weiß ich jetzt. Romantischer Dünnsch…

Ich war eine leichte Beute. Die angebliche Lektorin musste mich erst gar nicht überreden, den hohen Betrag zu überweisen. Der Vertrag schien klar und einfach strukturiert und ich bildete mir ein, alles in der Hand zu halten, den Überblick zu behalten. Anmaßend, arrogant erscheint es mir nun, tatsächlich war ich aber verzweifelt, brauchte Geld. Und um Geld zu verdienen, tat ich natürlich das Verkehrte, ich investierte Geld, geliehenes Geld. Wir töricht erscheint es mir jetzt, gute fünf Jahre danach.

Dass ich keinen Cent verdiente, steht außer Frage.

Zuschussverlag - Ein fiktiver Screenshot mit erfundenen VersprechenViel zu spät setzte ein Teil meines Intellekts wieder ein, ich begann dem Verlag zu misstrauen. Ein anderer Teil redete mir ein, dass alles wieder gut werden würde, typisch Frau. Ich hatte eher keine andere Wahl.

Mein »fürsorglicher« Verlag lud mich zur Buchmesse ein, ich sollte vorlesen. Mit einer winzigen Spur von gesunden Zweifeln (beim Suchen einer passenden Textstelle stellte ich voller Entsetzen fest, dass das Buch etliche Rechtschreibfehler enthielt) und einer großen Portion Enthusiasmus fuhr ich hin, stellte mich vor ein kleines Publikum, zuckte voller Stolz mein Werk hervor und begann mit kräftiger Stimme daraus vorzulesen. Und tatsächlich, es gab Menschen, die anhielten und mir gebannt zuhörten, aber das Interesse war verhalten und ich wusste, dass es nicht das war, was es hätte sein müssen.

Ich beobachtete ein junges Mädchen, sie war mit ihrer Mutter unterwegs, die offensichtlich eine Schriftstellerin aus ihr machen wollte. Auch sie hatte bei »meinem« Verlag ein Buch herausgegeben und beabsichtigte tatsächlich ein weiteres zu bezahlen. Oh Wunder, der Verlag bat ihr einen Rabatt an! Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte und sah. Wie betäubt verließ ich die Buchmesse, sah sehnsüchtig und trauernd im Vorbeigehen den großen Verlagen hinterher.

Endlich sickerte es in jede Pore meines Geistes. Den ganzen Weg über nach Hause analysierte ich das Verhalten der »angeblichen« Lektoren und der Schriftsteller, die dort zuhauf waren.

Ein paar Tage später fragte ich in einem Anflug von Hoffnung bei einer großen Buchhandlung in München nach meinem Buch, und die freundlich lächelnde Verkäuferin versicherte mir jedes Buch innerhalb von 48 Stunden besorgen zu können.

Aber wo war es? Wo war mein Buch? In den Regalen der Buchhandlung? Nein.

Zuschussverlag - Ein fiktiver Screenshot mit erfundenen VersprechenBei Amazon? Ja, aber nur, wenn man den Titel oder meinen Namen eingab. Nur, wie sollte jemand von meinem Buch erfahren, wenn es nirgendwo präsentiert wurde? Niemand kannte den Titel, niemand kannte mich!

War es auf der Bestsellerliste? Nein.

Die Werbung für mein Buch bestand …? Weiß ich gar nicht. Viel versprochen und nichts erfüllt.

Wie sollte jemand auf mein Buch aufmerksam werden? Gar nicht.

Niemand, absolut niemand würde mein Buch kaufen, das wurde mir schmerzlich bewusst.

Doch ich schreibe weiter, weil ich das Gefühl habe, einen bedeutenden Teil von mir zu verlieren und nicht vollkommen zu sein, einzugehen wie eine Primel, zu einem halben Menschen zu mutieren. Wenn ich länger als zwei Tage nichts zu Papier bringe (eigentlich: in meinen Laptop tippe), plagt mich das schlechte Gewissen so heftig, dass ich Bauchschmerzen bekomme, ungemütlich werde, mich wie eine Abhängige aufführe. Verrückt, ich weiß. Bekloppt, ich weiß.

Ich schreibe nicht über die Erfahrungen mit dem Zuschussverlag. Wozu? Die Wunde ist nicht vollständig verheilt, und sie aufzureißen, käme einem Selbstmordversuch gleich.

Ich weiß nicht, ob ich gut bin. Diverse Verlage lehnten mein neues Werk ab.

Ich gebe zu, dass ich gern Gewissheit hätte, ob auch Außenstehende (Lektoren und Leser) mir eine gewisse Portion Talent bescheinigen und nicht nur meine Kinder.

Lia A. aus München