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Beitrag vom 19. Januar 2014 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Arno Schmidt wäre jetzt 100 – ob er das gewollt hätte?

Arno Schmidt - Bargfelder Ausgabe

Ich liebe seine Texte! Schon als Schüler haben mich Arno Schmidts Texte fasziniert: die eigenwillige Sprache, die eigenwillige Schreibweise, die eigenwilligen und doch so sprechenden Kombinationen von Satzzeichen : – : (gefolgt vom Kampf mit den Schriftsetzern diverser Verlage, die das immer korrigieren ? … ! wollten? mussten?

Das einzige Buch, das ich jemals geklaut habe, war Rowohlts Sammelband »Leviathan« – ich musste den unbedingt und sofort haben, aber mein Taschengeld war bereits für andere Bücher ausgegeben! Das war mir so unangenehm und peinlich mit meinen 16 Jahren …

Doch ich habe es sofort gelesen und die Scham dabei vergessen.

Später leistete ich mir Haffmanns Taschenbuch-Ausgabe und dann – nach dem Tod des 65jährigen Arno Schmidt 1979 – die gebundene Bargfelder Gesamtausgabe.

Warum ich das schreibe? Es ist Zeichen meiner Wertschätzung: Für keinen anderen Autor habe ich so viel Geld ausgegeben …

Trotzdem bin ich nie nach Bargfeld gepilgert, habe nie seinen Zettelkasten bestaunt, habe nie überprüft, ob der Draht am Gartenzaun wirklich an der Stelle defekt war, wo er es beschrieben hatte! Mir war das egal.

Nicht ihm: Er war pedantisch, was Zeit und Ort und Wetter betrifft, und er konnte brillant einen Autor zur Schnecke machen, wenn der es gewagt hatte, zu einem bestimmten Datum an einem bestimmten Ort zu schreiben, es sei draußen neblig, obwohl da strahlender Sonnenschein war! Das hat er recherchiert – ohne jedes Internet!

Ich bin ihm nie begegnet, wollte das auch nicht; er war wohl sehr miesepetrig, wenn nicht gar menschenfeindlich! Viele Stellen in seinen Texten bezeugen das:
So wünschte er sich sehnlich, dass es der Menschheit bald gelänge, sich zu vernichten; und falls er drei Wünsche frei hätte, wäre der erste, die Erde von der Menschheit zu befreien. Und dann würde es gut sein.

Erst dann! Denn nach der Erschaffung der Erde war gar nichts gut! So bekamen Kirche und Politiker auch ihr Fett weg: Zu freizügige Darstellung sexueller Handlungen und vor allem ein Satz – ich glaube in »Das Steinerne Herz« – regte die Obrigkeit heftig auf und führte zur Selbstzensur:
Bekannt ist der Bibelspruch vom Spatz, der vom Himmel fällt; wortwörtlich heißt es:

Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen des Vaters. (Mt 10,29).

Arno Schmidt hat den Satz ergänzt, sinngemäß – ich finde diese Stelle jetzt nicht:

und kein Jude wird vergast.

Er verabscheute Kirche und Glauben: Christentum hat seiner Meinung nach nichts mit Kultur zu tun! Das Unerforschliche dürfe man ruhig veralbern war sein Credo, und er tat es, scharfzüngig, bissig und mit einer gehörigen Portion Humor.

Zur Politik der Adenauerzeit fragte er sich, wozu man denn noch Altersheime brauche, es gebe schließlich Parlamente, wo sich die 75jährigen eiskalt und unmenschlich austoben.

Er war belesen. Aber er beschränkte sich, denn seiner Überzeugung nach kann man im Leben höchstens 100 Autoren richtig kennen lernen. Ihm verdanke ich viele wertvolle Literaturhinweise: Hans Henny Jahnn, Ludwig Tieck, Hans Wollschläger, C.M. Wieland … und nicht zuletzt Edgar Allan Poe:
Die weltweit erste Gesamtausgabe, übersetzt vor allem von Arno Schmidt und seinem Schüler Hans Wollschläger – und zwar in die Sprache des 19. Jahrhunderts!

Dieser Poe hatte nichts mehr zu tun mit den stark auf Action hin gekürzten Horror-Geschichten für Jugendliche. Selbst im Englisch-Unterricht wurden nur gekürzte Poe-Texte verwendet.

Zur Beantwortung der Eingangsfrage, ob er 100 hätte werden wollen:
Obwohl Arno Schmidt alle Menschen komisch findet, (sich selbst übrigens auch, er stand sich durchaus kritisch gegenüber): Nein, das hätte er wohl nicht gewollt!

Ich erinnere mich an eine Erzählung, die in einem fiktiven Künstlerhimmel spielt: Ein Künstler durfte erst dann endgültig sterben, wenn er über einen bestimmten Zeitraum hinweg nicht mehr erwähnt wurde von den Lebenden …
Alle Großen der Weltliteratur hatten keine Chance und beglückwünschten jeden, der es endlich geschafft hatte, vergessen zu werden.

Das wird Arno Schmidt wohl nicht passieren – das hat er davon!

Malte Bremer

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