Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 5. Oktober 2015 | Rubrik: Hörbücher

Akustische Unterwerfung: Houellebecq hören – besser mit Berkel

»Unterwerfung« - Die Hörbuchfassung mit Christian Berkel

Im Roman »Unterwerfung« regiert in Frankreich der erste muslimische Staatspräsident. Anlässlich der Bedrohung durch den IS-Terror hat das Buch von Michel Houellebecq eine gewaltige Brisanz. Dann gab es den islamistisch motivierten Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo mit 12 Toten, und Houellebecq stellte sämtliche Medienauftritte ein.

Doch jetzt, anlässlich der Flüchtlingsdiskussion, ist Michel Houellebecqs Fiktion aktueller denn je. Wer das Buch nicht lesen will, könnte es nun in Radio und Web als zweiteilige Hörspielproduktion des SWR hören.

Allerdings ist eine andere akustische Version weitaus besser.

Zu Houellebecq hat jeder eine Meinung

Zu den Romanen von Michel Houellebecq hat fast jeder eine Meinung, selbst dann, wenn er oder sie noch keinen davon gelesen hat. Frauenfeindlich seien sie, heißt es meist an erster Stelle. Und allein wie der Autor schon aussehe!

»Unterwerfung« spielt im Jahre 2022, dem Jahr der französischen Präsidentschaftswahl. Bereits bei der Wahl 2017 waren die Rechten unter Marine Le Pen unglaublich stark geworden, doch der sozialistische Präsident Hollande konnte sich gerade nochmal durchsetzen. Seine zweite Amtszeit ist verheerend, und 2022 droht endgültig der Wahlsieg der Rechten. Bei Houellebecq gibt es in Frankreich jedoch zwischenzeitlich eine Partei der »Bruderschaft der Muslime«, die in der Wählergunst mit den Sozialisten gleichzieht. Um eine rechte Staatspräsidentin zu verhindern, koalieren die Sozialisten schließlich im zweiten Wahlgang mit der Bruderschaft. Gemeinsam erreichen sie knapp die Stimmenmehrheit. Doch da die Bruderschaft mehr Wähler für sich gewinnen konnte als die Sozialisten, wird Mohammed Ben Abbes der erste muslimische Staatspräsident Frankreichs.

Glaubhaft erzählter politischer Umbruch

Es ist eine der Stärken von Michel Houellebecq, dass er diesen Umbruch und den Wahlkampf glaubhaft konstruiert. Die Tatsache, dass er seine Fiktion nur leicht in die Zukunft verlegt und diese neben erfundenen politischen Personen auch mit bekannten Namen versieht (z. B. wird die mögliche Rückkehr von Nicolas Sarkozy auf die politische Bühne  erwähnt), macht seine Konstruktion noch glaubhafter und präsenter.

Interessant ist auch, wie Houellebecq die epochalen politischen Umwälzungen erzählerisch meistert, ohne langweilig und dozierend zu wirken. Seine Hauptperson ist François, ein Literaturwissenschaftler an der Universität Paris III. Er ist Mitte Vierzig, hat jährlich wechselnde Beziehungen zu jüngeren Studentinnen, hadert jedoch bereits jetzt mit dem Alter und dem Leben, von dem er nicht mehr viel erwartet. François ist Huysmans-Experte. Über den Autor hat er promoviert, über ihn lehrt er nun, und eigentlich weiß er selbst nicht so recht, wie ihn seine Arbeit auf die akademische Karriereleiter brachte, die es nun jedoch nicht mehr weiter hinaufgeht.

François ernährt sich von in der Mikrowelle aufgewärmten asiatischen Fertiggerichten und ist politisch nicht engagiert. Durch seine Augen und Ohren beschreibt Houellebecq die Veränderungen im politischen und gesellschaftlichen Leben Frankreichs, die sich sehr bald ergeben.

»Wem es gelingt, mich zu vereinnahmen, ist noch nicht geboren«, soll Houellebecq einmal gesagt haben. Zweifelsohne birgt Houellebecqs Fiktion die Gefahr, dass sie von gewissen Kreisen als Horror-Vision gedeutet werden könnte. Michel Houellebecq gilt als Linker, doch auch hier sind sich viele nicht mehr so sicher.

Als »Unterwerfung« im Januar 2015 erschien, wurde es in den Feuilletons begeistert gefeiert. Die französische Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« brachte ein Cover, auf dem der Zeichner Luz Houellebecq zusammen mit Mohammed karikierte. Am Erscheinungstag von »Unterwerfung«, dem 7. Januar 2015, betraten zwei Männer die Redaktionsräume der Zeitschrift. Mit Maschinengewehren töteten sie 12 Menschen,

Michel Houellebecq sagte daraufhin fast sämtliche geplanten Medienauftritte und Lesungen ab. Glücklicherweise geriet sein Roman nicht ins Fahrwasser einer falschen Diskussion.

Hörspielfassung des SWR im Radio und Web

Für den SWR hat Leonhard Koppelmann aus dem Roman ein rund dreistündiges Hörspiel in zwei Teilen gemacht, das am 8. und 15. Oktober 2015 jeweils um 22:03 Uhr auf SWR2 gesendet wird und das nach der Premiere jeweils eine Woche lang zum Nachhören auf www.swr2.de/hoerspiel kostenlos bereitsteht. Zudem kann es auf zwei CDs käuflich erworben werden.

Houellebecqs Roman ist sehr von Beobachtungen und Dialogen geprägt, und Koppelmann verwendet weitestgehend den gekürzten Originaltext des Buches. Samuel Weiss spricht François, und um dessen Beobachtungen und Gedanken akustisch etwas aufzumotzen, schneidet man seine Worte wie Rede und Gegenrede oder innere und äußere Stimme zusammen. Obwohl François eine Faszination für das Leben Joris-Karl Huysmans empfindet, kann er dessen Konvertierung zum Katholizismus nicht nachempfinden. Koppelmann montiert daher in seine Hörfassung Passagen aus Huysmans Werk »Gegen den Strich«, die es bei Houellebecq nicht gibt (abgesehen vom Motto des Buches). Obwohl also der Huysmans-Gehalt in der Hörspielversion höher ist, bleibt hier dennoch François‘ Leidenschaft für diesen Autor blass. Zudem irritiert ungemein, dass der Name des belgischen Autors ständig als »Heußmann« ausgesprochen wird. Ebenso irritierend ist die fehlerhafte Betonung des fiktiven Staatspräsidenten Ben Abbes auf der ersten Silbe, was im Hörspiel mehr an die schwedische Popgruppe denken lässt.

Eine Hörfassung, wie sie die Vorurteile erwarten

Leider ist die Hörspielfassung so geraten, wie man sich die eines Houellebecq-Romans vorstellt, selbst wenn man noch nie Houellebecq gelesen hat. Die Figuren sprechen ständig in einem ironischen Tonfall. Die erwartbare und daher  klischeehafte Geräuschuntermalung (beim Champagner ein Korkenknallen, vorm Fellatio ein Reißverschluss und Datumsangaben mit Nachrichtenticker) verstärkt diesen 08/15-Charakter der Produktion, die eigentlich gar keine 08/15-Produktion ist.

Die Vertonung bleibt an der Oberfläche, erreicht nicht annähernd die Tiefe des Romans. Houellebecq muss viel erläutern und erklären. Er macht dies oft durch Dialoge. Solche »Infodumps« sind bei Lektoren gefürchtet: Die Figuren reden dann meist nicht miteinander, sondern ihr Gespräch wird nur für den »mithörenden« Leser geführt, damit dieser vermeintlich notwendige Informationen erhält.

Houellebecq gestaltet diese Dialoge jedoch so vielschichtig und interessant, dass der reine Info-Charakter verloren geht. Doch die Hörspielfassung in ihrer aufgesetzten stimmlich-modulierenden Mitkommentierung macht die Dialoge tatsächlich wieder zu aufgesagten Informationshäppchen, die dem Zuhörer lieblos dargeboten werden.

Dabei gibt es in Houellebecqs Roman unglaublich viele ergreifende und bewegende Passagen, die frei jeder Ironie sind.

Man sollte Houellebecq hören – aber als Hörbuch

Wer also die Pfade der Houellebecq-Klischees verlassen möchte, sollte ihn tatsächlich lesen – oder hören, um den Vorurteilen zu entkommen. Aber in einer anderen Fassung als der Hörspieladaption!

Der Schauspieler Christian Berkel hat »Unterwerfung« als ungekürztes Hörbuch in 468 Minuten eingelesen. Die 6 CDs sind ebenfalls bei DAV erschienen. Allein schon die Besetzung mit Berkel ist ein Gegen-Klischee. Bei Houellebecq mögen die Vorurteile eine rauchige, ironische und vielleicht leicht nuschelige Sprecherstimme erwarten. Christian Berkel hingegen klingt im Grundton sachlich, neutral, fast schon glatt. Berkels frankophoner Zungenschlag flicht die französischen Namen und Wörter nahtlos dazwischen. Bei ihm bleibt Huysmans ein Huysmans und wird kein Heußmann.

Bei Berkel ist François kein schlurfig-schluriger Typ, sondern ein intelligenter Intellektueller. Im Hörbuch überwiegt Melancholie statt Ironie. Die Dialogpassagen des Textes erhalten ihren informativen Charakter zurück und wirken nicht wie aufgesagte Info-Häppchen. Berkel überzeichnet nicht. Selbst die wenigen erzählerischen Tiefpunkte Houellebecqs – nämlich die pornohaft-peinlichen Sexszenen – glättet Berkel stimmlich. Und dort, wo Houellebecq so unglaublich berührend ist, z. B. als François das Ende seiner Beziehung zu Myriam schildert oder das Verhältnis, das sein Vater mit dessen Freundin hatte, da wird auch Berkels Stimme unglaublich weich und berührend. Ganz zu schweigen von dem Witz und der Ironie, die Houellebecq und Berkel gekonnt nebensächlich transportieren. Mit voller Wucht vermittelt Berkel Houellebecqs Sarkasmus, indem er stimmlich gerade nicht auf den Tisch haut.

Houellebecq sollte man besser von Berkel hören, denn dann hört man einen anderen Houellebecq.

Wolfgang Tischer

  • Unterwerfung als Hörspiel auf der Website des SWR ab 8. bzw. 15.10.2015
    Zeitlich begrenzter, kostenloser Abruf bis 15. bzw. 22.10.2015
  • Unterwerfung als Hörspiel bei DAV
    Michel Houellebecq: Unterwerfung (Hörspiel, 2 CDs). Audio CD. 2015. Der Audio Verlag. ISBN/EAN: 9783862315963. EUR 12,99 » Bestellen bei Amazon.de
  • Unser Tipp: Unterwerfung als Hörbuch bei DAV
    Michel Houellebecq: Unterwerfung: Ungekürzte Lesung mit Christian Berkel (6 CDs). Audio CD. 2015. Der Audio Verlag. ISBN/EAN: 9783862315369. EUR 10,90 » Bestellen bei Amazon.de
  • Unterwerfung als Roman bei Dumont
    Michel Houellebecq: Unterwerfung: Roman. Gebundene Ausgabe. 2015. DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783832197957. EUR 22,99 » Bestellen bei Amazon.de
    Michel Houellebecq: Unterwerfung: Roman. Kindle Edition. 2015. DUMONT Buchverlag » Herunterladen bei Amazon.de

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *