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Affäre um Bundespräsident Wulff: Hoffmann und Campe Verlag gesteht Zuschussgeschäft

Bericht im SPIEGEL Online über die Zuschusszahlungen zur Wulff-Buch-Werbung [1]Egal ob günstiger Kredit oder Luxusreisen: Bundespräsident Christian Wulff lässt sich offenbar vieles von reichen Freunden bezahlen [2] – und findet das nicht weiter schlimm.

Jetzt kommt ans Licht, dass Werbung für sein Buch »Besser die Wahrheit« nur aufgrund von Zuschusszahlungen geschaltet wurde. Manfred Bissinger, der frühere Geschäftsführer Corporate Publishing vom Verlag Hoffmann und Campe, bezeichnet dies auch noch laut SPIEGEL Online [3] als »in der Verlagsbranche üblich«.

Bissingers Aussage ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich für einen fairen Umgang zwischen Autor und Verlag einsetzen – und sie ist Wasser auf die Argumentationsmühlen dubioser Zuschussverlage [4].

Wulff-Buch: Anzeigenzuschuss in Höhe von 42.700 Euro

Dem Bericht des SPIEGEL ONLINE zufolge [3] wurden die Anzeigen des Verlags von Wulff-Freund Carsten Maschmeyer [5] bezahlt. 42.700 Euro habe dieser dafür hingeblättert. All das sei noch in den Zeit geschehen, als Christian Wulff Ministerpräsident von Niedersachsen war.

Stimmen die SPIEGEL-Zitate, so stellt der ehemalige Chef des Verlags Hoffmann und Campe Corporate Publishing die private Finanzierung der Verlagsanzeigen als absolut normale Sache dar, die in der Verlagswelt alltäglich sei. Das Buch »Besser die Wahrheit« war ein so genanntes »Interviewbuch«, und laut SPIEGEL legt Bissinger wert darauf, dass Wulff selbst von diesem Deal nichts gewusst habe.

Glücklicherweise zitiert der SPIEGEL auch andere Stimmen aus der Verlagsbranche, die solche Zuschusszahlungen bei seriösen Verlagen in keiner Weise als üblich ansehen.

Auch wir vom literaturcafe.de haben bei bekannten Verlagen nachgefragt, ob solche Zuzahlungen an der Tagesordnung seien. Dies wurde durchweg verneint.

Zwar sei es hin und wieder der Fall, dass einige Werke nur aufgrund von Stipendien oder Zahlungen von Stiftungen erscheinen können, doch dann werde dies im Buch deutlich und transparent erwähnt. Der Autor selbst oder gar Freunde und Familie zahlen nicht für Buch oder Buchwerbung.

Steilvorlage für Zuschussverlagsabzocker

Doch wenn es einem dubiosen Zuschussverlag darum geht, einen Autor über den Tisch zu ziehen und ihn schon mal um 15.000 Euro zu erleichtern, dann dürfte den Abzockern der Verweis auf den SPIEGEL-Artikel gehörig helfen. »Was wollen Sie denn?«, kann man dort künftig als Beleg anführen. »Selbst der renommierte Hoffmann und Campe Verlag, der einst Heine verlegte und heute die Bücher von Helmut Schmidt, ließ sich Anzeigen für ein Buch des Bundespräsidenten bezahlen. Und das hat 42.000 Euro gekostet, und Sie jammern hier schon wegen 15.000 Euro rum.«

Dass Wulff da noch gar nicht Bundespräsident war und dieser Fall auch sonst sehr speziell ist, spielt keine Rolle.

Bei einem seriösen Verlag zahlt der Autor weder direkt noch indirekt für die Veröffentlichung

»Bei einem Verlag zahlt der Autor weder direkt noch indirekt für die Veröffentlichung seines Buches«, so lautet der Grundsatz der seriösen Verlagsarbeit, bei der allein der Verleger das wirtschaftliche Risiko trägt – auch für die Werbung.

Und so ironisch und spitzfindig es klingen mag, so muss man wenigstens feststellen, dass dieser Grundsatz laut Aussage des ehemaligen Geschäftsführers Hoffmann und Campe Corporate Publishing auch in diesem Fall galt, denn nicht der Autor Christian Wulff habe für die Werbung gezahlt, sondern dessen reicher Freund Maschmeyer.

Doch die Tatsache bleibt, dass Manfred Bissinger weder dem Verlag Hoffmann und Campe, noch der Glaubwürdigkeit deutscher Verlage, noch den Kämpfern gegen das Zuschussverlagsgeschäft einen Gefallen getan hat.

Nachtrag

Am Abend des 20. Dezembers 2011 hat der SPIEGEL seinen Artikel korrigiert und vermerkt dazu: Bissinger ist heute nicht mehr Geschäftsführer Corporate Publishing bei Hoffmann und Campe. Wir bitten um Entschuldigung.

Diese Änderung haben wir auch in diesem Artikel nachgetragen. Sie zeigt einmal mehr, dass dies ein ganz spezieller Fall ist, der nicht als grundsätzlicher Beleg dafür herhalten kann, dass Zuzahlungen auch bei großen Verlagen an der Tagesordnung sind. Doch das werden dubiose Zuschussverlage nicht erwähnen.

Umso mehr bleibt zu hoffen, dass sich die jetzige Geschäftsführung von Hoffmann und Campe von den Aussagen Bissingers distanziert.